14. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.19, under Stahlratte
19:

In der Avenida de Centenario, zwischen Altstadt und Gethsemani, liegt der Bazurto Social Club. Ein großes Holzportal, dahinter tobt das kolumbianische Leben.

Ich trage mein weißes Hemd, dass ich ein paar Tage vorher von einer Millionärs-Yacht gekapert habe, mühe meine Fußballerhüften in die zuvor auf dem Tisch unseres Schiffes gelernten Tanzschritte und benehme mich des Weiteren sehr anständig. Am Ende des Abends bekomme ich großes Lob von meiner Parterin. Ich sei sehr tapfer gewesen, sagt sie.

7. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

BFFs.

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4. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

Ich sitze auf der Rah des Fockmastes und putze mir die Zähne. Von Carti Sugdup scheinen die Lichter herüber. Meine Rechte hält sich fest in der Takelage, wenn ich ausspucken will, muss ich mich weit nach vorne lehnen.

Zähne putzen hat für mich immer etwas Heiliges. Ein Ritual, das dem Tag seine Grenzen weist. Die kreisende Bewegung des Dr. Best Schwingkopfs, der beständige Schrubb-Sound, der ewig gleiche Ablauf haben etwas meditatives.

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Die Kinder von Carti nennen mich Tio Mono. Sie sind die Piratas, die über das Deck rennen, Süßigkeiten schnorren und Kochlöffel stehlen. Man kann sie hoch in die Luft werfen, dann lachen sie, und man kann sie jagen und scheuchen und Blödsinn mit ihnen treiben. Nur die kleineren haben manchmal Angst vor meinem Bart und meiner weißen Haut.

Wenn wir vor Carti liegen, ist das Schiff stets voll mit Menschen. Alles ist laut und unübersichtlich und voller Leben. Jonathan hilft mir beim Kartoffeln schälen, Ceronsito kriecht unter dem Tisch umher und Ingrid hat die Duschbrause entdeckt, mit der sie allerhand Schaden anrichtet. Der Kapitän und die Älteren sitzen am Tisch in der Messe und trinken Rum.

Ich leichter Film liegt jetzt über dem Nachthimmel, der die Sterne zum Verschwimmen bringt. Ich putze schon viel zu lange. Schrubbt man zu intensiv, kann sich der Zahnschmelz abtragen, ich weiß das. Ich stecke mir die Zahnbürste in die linke Backe, lege beide Hände an die Takelage und klettere hinab. Die Lichter von Carti Sugdup werfen lange Schatten. Dahiner schlafen die Piratas und ersinnen neue Abenteuer.

3. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

Es ist immer wieder angenehm, wie die Ruhe einkehrt, wenn eine Überfahrt zu Ende geht.

Der Himmel ist bedeckt wie ich es mag, ein leichter Wind weht und neben mir am großen Tisch sitzt eine Französin, die mehr raucht als ein kaltes Lagerfeuer, die aber recht schön anzusehen ist, zumindest für unsere hungrigen Augen. Das wird wohl auch der Grund sein, warum Xabi sie so sehr umsorgt und ein ganz glückliches Gesicht macht, wenn sie mit ihm redet.

IMG_3503Gestern habe ich am Rande des Dschungels ein Krokodil gesehen. Mein rechter Arm hat sich ganz leer angefühlt, weil ich ihn nicht um meine Freundin schließen konnte, die sich immer so sehr freut, wenn sie wilde Tiere sieht.

Morgen sind wir zu einem religiösen Fest der Kuna eingeladen. Die Chicha Pequena feiert man zur ersten Menstruation der Mädchen: Die Fruchtbarkeit soll gefeiert und ein Partner für die Kleine gefunden werden. Xabi macht Kaffee und irgendetwas mit Roquefort.

Gail an Bord

posted by Bleu Broode on 2013.09.17, under Stahlratte
17:

Gail sammelt gerne Feuerwaffen. Zu Hause weiß er immer, wo seine Pistolen liegen. Er betreibt Großwildjagd zu Charity-Zwecken und natürlich ist er in der Army. Sein Motorrad ist ein deutsches, weshalb er die deutschen mag, ungeachtet dessen hält er das amerikanische Regierungssystem für die einzig wahre Demokratie der Welt.

Seine Finger manikürt Gail mit äußerster Präzision. Er hat ein Nagelset in der Größe eines Werkzeugkoffers, einmal sehe ich ihn vier Stunden lang die Greifer zweier Engländerinnen pflegen, bis ihre Nagelbetten keine einzige Unebenheit mehr preisgeben und er sich enttäuscht abwendet.

Man spürt förmlich, wie sich die einzelnen Glieder der Finger in Lauf, Abzug und Zielvorrichtungen seiner Waffen verwanden und es ist fast rührend mit anzusehen, wie sehr er sie vermisst.

Wenn Gail betrunken ist, erzählt er Geschichten über die Großwildjagd: Wie sehr er Giraffen liebe, wie elegant sie seien, und warum er unbedingt eine schießen wolle; wie er tagelang einem verrückten Elefanten aufgelauert hatte, den zu erlegen ihm die Dorfbewohner für 20 000 Dollar aufgetragen hatten (20 000 $, die er bezahlen musste, wohlgemerkt), wie er den Elefanten dann aber nicht erwischt hatte und deshalb unbedingt noch einmal nach Afrika wolle – wie gesagt, zu Charity-Zwecken.

Denn die Afrikaner, so Gail (eine spezifische Länderbezeichnung war ihm nicht relevant), profitierten ja gleich doppelt von ihm: Geld und das Töten lästiger Tiere.

Gail erzählt enthusiastisch und mit glänzenden Augen und ich frage mich, was für eine Perversion der Gedanke in sich trägt, ein Tier erst dann wirklich für sich annehmen und begreifen zu können, wenn man es erlegt. Es ist ein Besitzanspruch sondergleichen: Dadurch, dass Gail dem Tier das Leben nimmt, gewinnt er das Leben des Tieres für sich. Es ist sein Ausdruck der Zuneigung, sein Zoll des Respekts und plötzlich mache ich mir Sorgen um die Engländerinnen.

Beim Schnorcheln sehe ich eine Schildkröte, die schwimmend durch die Wellen krabbelt, nachts tauchen wir durch das Meeresleuchten und der Rum am Lagerfeuer tut sein übriges. Ein paar Jungs von einem anderen Schiff kommen herüber, unser Käptn moniert, dass er keine „Sausage-Party“ wolle, ich biete dem Käptn des anderen Schiffes Schläge an und wir alle nehmen es Xabi übel, dass er nicht verhindert, dass eines unserer Mädchen von einem Kerl des anderen Schiffs für die Nacht gestohlen wird. Auf der Überfahrt fangen wir zwei Gelbflossenthunfische, die wir in einer guten Sahne-Weißwein-Sauce zubereiteten.

Gail ist überglücklich. Er tanzt um die besiegten Tiere wie um eine Zuckerwatte. Dann fängt er an seine Nägel zu bearbeiten.

29. August, Abend vor der Abfahrt

posted by Bleu Broode on 2013.08.30, under Stahlratte
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Nun habe ich seit 12 Tagen nichts geschrieben. Es ist nicht so, dass ich nichts zu schreiben hätte, es ist viel mehr die Müdigkeit die mich am Abend zur Leselampe führt.

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Neben uns liegt das Scientology-Schiff. Eine Lichterkette verbindet Bug und Heck und beleuchtet den Kahn in der Nacht. Alles ist weiß und edel und dabei sehr langweilig. Manchmal haben sie schöne Frauen an Deck, zumindest tun sie so von weitem, und dann pfeifen wir und tun sehr männlich und hoffen, dass sie uns ein reiches Erbe vermachen werden. Allerdings scheinen auch sie, wenn wir sie lüstern mit dem Fernglas vom Mastkorb aus beobachten, eher reich und edel und langweilig.

IMG_3352Die Hornhaut an meinen Handballen wirft Beulen. Meine Fingerkuppen stehen millimeterdick in Lack. Der untere Mast, die Brandschutztür zur Maschine und das Heck sind entrostet, die Messe ist neu gemalt, das Holzmobiliar geschliffen und lackiert. Ich möchte wohl wissen, wieviel Liter meines eigenen Schweißes ich in das Holz eingearbeitet habe.

Es ist ein guter Gedanke, dass ein Teil von mir auf dem Schiff bleiben wird, auch nachdem ich es verlassen habe.

Bei den Vorbereitungen der Streich-Aktion habe ich eine Plakete enteckt, die belegt, dass das Schiff 2000 auf dem Loggermarkt in Vegesack war. Dort bin ich zur Schule gegangen, der Hafen ist in der Nähe von Gül, dem besten Döner des Stadtteils. Vielleicht sind ich und die Ratte uns mal unbewusst über den Weg gelaufen. Auch das ist ein guter Gedanke.

Eins noch:

Meine Geschwindigkeit Kartoffeln zu schneiden hat enorm zugenommen.

Und hier nun die unretuschierte Version der sixtinischen Kapelle:
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17. August, zurück in Cartagena

posted by Bleu Broode on 2013.08.30, under Stahlratte
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IMG_3403Ich habe mir Knödel gemacht. Sie sind nicht sehr gut geworden, aber nun brate ich sie mit Zwiebeln und einer guten kolumbianischen Wurst an und schneide Weißkohlsalat. Es muss quietschen, wenn man den Essig in den Kohl einarbeitet. Dazu kaltes Bier.

Wir sind zurück in Cartagena, es ist immer noch warm, die Stadt ist nie kalt, selbst wenn es regnet, so wie jetzt. Seit Joan im Urlaub ist, bin ich der dienstälteste an Bord. Der Hafenmanager von Cartagena nennt mich Steuermann der Stahlratte.

Das Bier ist kalt und die Knödel knusprig. Salva ist ausgegangen, ich bin allein.

Zwei Tage ist es her, seit in der Nacht die Fliegerschot riss und uns das Segel beim Einholen ein Loch in den Klüver riss. Wir hatten um fünf den Anker vor San Blas gehoben und waren bald unter vollen Segeln gelaufen. Ich hatte Wache von sieben bis zwölf und von dreinundzwanzig bis zwei Uhr und dazwischen keinen Schlaf gefunden.

Dann um vier gab es einen Knall, gefolgt von kläffendem Lärm. Ich warf mich in meine Badehose (ich bemerkte erst später, dass ich sie falsch herum an hatte, das Inlay nach außen, es sah aus wie eine Windel), und folgte dem Kapitän, der zwei Stufen Vorsprung hatte, an Deck. Der Flieger, das vorderste Segel des Schiffs, flatterte lose im Wind. Drei Mann brauchten wir, um es einzuholen, in einer Reihe, hau ruck. Dann ins Klüvernetz, Segel einfangen und fixieren. Ein Segel gegen den Wind einzufangen fühlt sich an wie ein wildes Pferd zu zähmen. Dann auch den Klüver runter.

Nach fünfzehn Minuten war alles getan. Ich nahm mir ein Bier und erleichterte mich in die Sterne, um fünf Uhr ging ich zurück ins Bett.

Um sechs Uhr wurde ich geweckt, Kursänderung, die restlichen Segel eiIMG_3416nholen.

Es ist die Spannung, die mich auf den Fahrten wenig schlafen lässt. In jedem Moment muss man Fähig sein, hochkonzentriert und körperlich voll auf der Höhe zu sein. Das entspannen dazwischen habe ich noch nicht ganz raus.

Ich trinke mein Bier, streue etwas Kümmel über meinen Salat und genieße die Ruhe.

13. August

posted by Bleu Broode on 2013.08.19, under Stahlratte
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Ich liege rücklings auf einem Windsurfbrett ohne Segel und lasse mich treiben. Ein Pelikan beobachtet mich von einer Palme aus. Das Wasser ist klar und der Himmel ist blau und ich liege und liege, bis die Brandung mich an den Strand spült.

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11. August

posted by Bleu Broode on 2013.08.19, under Stahlratte
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Draußen der Regen in Bächen. Der betonierte Bolzplatz vor meinem Fenster steht knöcheltief unter Wasser. Da sind fünf Kinder, die über das Pflaster rennen, einem Ball hinterher, stolpern, fallen, lustvoll über den Beton rutschen, und der Ball ist Nebensache.

Meine Balkontür ist weit aufgerissen, der Vorhang bläht sich, Wind pfeifft herein, Donner wie hungriger Magen, wie sehr ich den Regen Liebe.

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Panama City, Casco Viejo

posted by Bleu Broode on 2013.08.19, under Stahlratte
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Nachdem Henry Morgan das alte Panama City 1671 verheerend zerstörte, zog die Stadt von der Bucht des Rio Abajo hinauf auf eine kleine Anhöhe, den Cerro Ancon. Der neue Standort war zwar wirtschaftsstrategisch schlechter gelegen, ob seiner felsigen Riffe aber wesentlich leichter zu verteidigen. Bis zum Bau des Panama-Kanals spielte sich hier alles Leben ab. Dann kam das Geld und die Amerikaner und die Hochhäuser und Casco Viejo starb aus.

Heute wird es widerbelebt. Spekulanten schießen günstige Grundstücke, sanieren sie und verkaufen sie für teuer Geld. Die halbe panamäische Oberschicht ist hier angesiedelt; die Regierung, ein paar Botschaften, Menschen mit Geld und Macht, es gibt die Hostelszene, bunt und flippig, Gringos und Gringas, vergnügungssuchende Hipstertouristen, pancake-schaufelnde Halbtags-Aussteiger.

Und dann gibt es Straßen, in die man nur allzu leicht gelangt und allzu häufig schnell verlässt: leere Fassaden, dahinter Schutthalden, manchmal Schutthalden ohne Fassaden, manchmal Menschen die darin leben. Hin und wieder leuchtend rote Claro-Antennen, für den guten Fernsehempfang, denn fernsehen ist wichtig. Überall Hunde. An den Kreuzungen stehen Soldaten, Jeeps rollen vorbei, Porsche, VW, die deutschen Marken, dazwischen Taxen, deren Unförmigkeit auf keinen Hersteller schließen lässt, in den Rinnsteinen wachsen Bäume.

Das Hostel, in dem ich lebe, ist eine Unverschämtheit an sich. Wohl gelegen, äußerst authentisch, Kolonialbau, eine Disko mit Bar im Außenbereich im unteren Stockwerk. Es ist vollgestopft mit beschriebenen Weltentdeckern, es gibt eine Happy Hour, in der das Bier besonders günstig ist, Szene-Balzveranstaltungen mit der immer gleichen schlechten Elektromusik. Früher ist in dem Gebäude ein Waisenhaus für Greise gewesen.

Die Wände sind chìc heruntergekommen, imposante Farngewächse, ein weißer Fensterrahmen ohne Fenster für den individuellen Touch. Man muss genau hingucken, um die in den Beton eingearbeiteten Glasscherben auf der Brüstung zu erkennen, und den elektrisch geladenen Draht, der die wohlgestaltete Authenzität von der Außenwelt abschirmt. Ich beschließe, die andere Seite der Mauer zu erkunden. Man soll dort nicht hingehen, hat man mir gesagt.

Gleich an der Ecke sitzen zwei Dunkelhäutige; sie schlafen im dürftigen Schatten eines abgerissenen Balkons, einer auf einem Fetzen Karton, der andere auf einem Autositz. Links ein nach Schimmel und Urin stinkender Seitengang, Wäsche hängt zwischen den Wänden, der Beton ist grau, die Balkone nicht sicher, die provisorischen Wellblechdächer sind bis zur Durchsichtigkeit verrostet. Jemand ruft etwas, was ich nicht verstehe. Dann, daneben, ein Mann mit breiten Kiefer und einem Bier in der Hand: „My brother is the king of the world! The clothes are clean! Come here!“

Der Mann ist völlig betrunken. Eigentlich will ich nicht und dann gehe ich doch und plötzlich stehe ich in ihrem Hauseingang. Man reicht mir ein Bier und ich achte sehr genau auf jede Handlung, die darauf hinweisen könnte, dass man mich ausrauben will, bereit, bei jedem Gefühl von Schwindel, den Hauseingang zu verlassen. Wir reden eine Weile, der Betrunkene, sein Bruder, sein Vater und ich, ich spreche brüchiges Spanisch und Kuna, sie reden über Sex und deutsche Frauen und wollen die Gringas sehen. Dabei sind sie sehr gutherzig. Zwei Kinder, zwei Mädchen, wohnen im Haus, sie sind bezaubernd und sie lachen und sie wollen ein Foto mit mir machen, und wir machen ein Foto ich lache auch. Ich sage die Gringas sind außerordentlich blond und außerordentlich dumm und die Herren bekommen leuchtende Augen.

So geht es eine Weile, dann ist mein Bier leer und ich verabschiede mich.

Als ich die Straße betrete, empfängt mich Musik. Sie ist schlecht und elektronisch und kommt von der anderen Seite der Mauer.

Für die folgende Nacht habe ich mich in einem anderen Hostel eingemietet. Ich möchte nicht mehr Pfannkuchen aus der Tüte essen, egal, wie viele es auch sind, und ich möchte auch keine neuen Facebookfreunde finden – außerdem ist vor den Fenstern meiner neuen Unterkunft ein toller Bolzer.

Jeden Abend sitze ich vor einem kleinen Restaurant in der Calle 5 und trinke einen Rotwein. Ich lese ein Buch, genieße die Abendluft und fühle mich sehr intelligent. Ein älterer Herr sitzt stets einen Tisch weiter und er sieht sehr schön aus wie er dort sitzt: in seinem sauberem Hemd und den Leinenhosen und dem Weißwein und der Brille auf der Nase, durch die er die Online-Ausgaben verschiedener internationaler Zeitungen liest.

Um ehrlich zu sein, versuche ich immer in seiner Nähe zu sitzen, denn seine bloße Anwesenheit genügt, um mich selbst ein Stück eleganter zu fühlen.

An diesem Nachmittag habe ich mir ein Herz gefasst und ihn gefragt, ob wir für den kommenden Abend unseren Wein gemeinsam trinken wollen. Er ist verwundert und willigt ein.

Der älterer Herr ist Brite und wirklich ein feiner Herr. Seine Frau sitzt mit am Tisch, dazu zwei Deutsche, Sozialpädagogen aus Köln, mit dem Motorrad unterwegs. Ich trinke Rotwein, der Gastgeber und seine Frau Weißwein, dazu Wasser, die Deutschen Bier. Sie wohnen in dem Hotel über dem Restaurant, dass zu dem Restaurant gehört.

Nach und nach stellt sich heraus, das dem älteren Herren nicht nur das Restaurant gehört, vor dem wir sitzen, ihm gehört auch das Restaurant daneben und die Bar daneben und gegenüber hat er ein Haus für seine Familie gekauft und dahinter befindet sich ein weiteres Restaurant in seinem Besitz.

Er erzählt das ganz sachlich, wie nebenbei, und viel mehr interessiert ihn, was die Kölner machen und er berichtet von seiner Katze, von der er glaubt, dass sie nach einem Sturz vom Balkon gehandicapt ist, und ob die Kölner sie nicht mit ihrer Ausbildung unterrichten könnten.

Ich bin ein wenig enttäuscht, dass ihn meine Arbeit auf der Stahlratte nicht groß beeindruckt, dann erfahre ich, dass er selbst lange Zeit Kapitän war, und für ein paar Tage in chinesischer Gefangenschaft, weil man ihn und seine Crew für Spione aus dem Westen gehalten hatte, die mutwillig ihr Hafenbecken verschmutzten (einer seiner Kollegen war dabei erwischt worden, wie er eine Zigarettenkippe ins Wasser geschnippst hatte). Drei Tage waren sie zu neunt in eine Zelle gesperrt worden, alle zwei Stunden Rapport, durchgängig von Lautsprechern beschallt, durch die englischsprachige Schmähungen gegen sie und den Westen drangen.

Heute ist der feine kein Kapitän mehr, er arbeitet als Manager für die Hutchison Portholdings, die mit dreißigtausend Mitarbeitern dreiundfünfzig Häfen in sechsunddreißig Ländern betreut, und der Zufall wollte es, dass er bei einem Dinner in Shanghai auf einen eben jener chinesischer Shouter traf, die ihn damals im Gefängnis so beleidigt hatten. Der Chinese war damals ein junger Mann gewesen und des Englischen kundig, was eine Seltenheit war, und nach seinem Shouter-Job hatte er eine rasante Karriere im chinesischen Kommunismus gemacht. Auf die Frage, ob er sich nicht schlecht fühle wegen damals, soll er sein Glas gehoben und feierlich geantwortet haben: „That were the rules at that time and these are the rules now.“ Und dann hätten sie angestoßen.

Der feine Herr ist Commander of the Britsh Empire, also wirklich ein feiner Herr, der Orden wurde ihm von der Queen verliehen, es ist die letzte Ordensstufe vor dem Knight, und er pflegte lange Zeit freundschaftliche Bande zu Maggie Thatcher, mit der er berufliche viel zu tun gehabt hatte. Bezüglich Angela Merkel fragt er, ob sie irgendwann einmal anfangen würde, Röcke zu tragen.

Die Frau des feinen Herren bestellt Hähnchen mit Pommes und Rinderrücken, dazu Brokkoli und Humus, Wein wird stetig nachgeschenkt und der feine Herr erzählt all seine Geschichten so, als sei er Mitglied in einem Tennisclub, was sicher eine tolle Sache ist, aber nicht unbedingt der großen Worte wert.

Das Restaurant ist wirklich schön gelegen. Menschen flanieren vorbei, die Skyline hinter der Bucht, die Veranda ist angnehm beleuchtet, eine leichte Brise weht.

Als es spät wird, verabschiedet sich der feine Herr und verschwindet mit seiner Frau in der Nacht.

Ich bleibe mit den Deutschen eine Weile sitzen. Wir bestellen noch ein Bier und beschließen, uns hoch auf die Dachterrasse des Hotels zu setzen, von der aus man ein sensationelle Aussicht über die Stadt haben soll.

Als wir zahlen wollen, erklärt der Kellner, die Rechnung für den Abend sei schon beglichen. Ja, auch für das, was wir jetzt noch bestellen würden.

Als wir auf der Dachterrasse sitzen, denke ich an den betrunkenen Panameňo, mit dem ich nur ein paar Stunden zuvor und zwei Straßen weiter das gleiche Bier getrunken habe, und ich frage mich, warum diese Stadt nicht einfach implodiert.

Schräg zu unseren Füßen liegt das Hostel mit der schlechten elektronischen Musik. Und wenn sich irgendwo heute Nacht ein Blitz entzündet, wird es morgen wieder Pancakes geben.