12. Oktober. Bad Schandau, Frankfurt Süd

posted by Bleu Broode on 2013.10.13, under Stahlratte
13:

Eine Wolkenschicht liegt über den steinernen Zinnen der sächsischen Schweiz. Ein Wind weht. Ich trage lange Hosen, Hemd, Pullover, Mütze und Funktionsjacke, es riecht nach fallenden Blättern. In der Ferne schippert der Raddampfer „Pillnitz“ Richtung tschechische Grenze. Ich habe die schöne Frau neben mir, die so angenehm vertraut riecht und die sich so ungemein gut an meiner Seite ausmacht, wenn wir nachts nebeneinander einschlafen. Sie hat mich vom Flughafen abgeholt. Wir fuhren nach Tegelort zu meinem besten Freund und hatten einen fantastischen Abend an der Havel. Später kamen zwei Freunde, draußen rauschten die Birken.

Ich bin zu Hause.

2. Oktober

posted by Bleu Broode on 2013.10.09, under Stahlratte
09:

IMG_3791Ich frühstücke sehr früh, denn ich will noch einen Spaziergang machen, bevor mein Flug um 15 Uhr Panama verlässt. Draußen findet der Aufbau zu den Dreharbeiten eines Musikvideos statt. Neben mir sitzt ein junger Mann mit bernsteinfarbenen Kontaktlinsen, der von kundiger Hand geschminkt wird. Die Belegschaft ist sehr aufgeregt, man kommt und macht Fotos.

Der junge Mann heißt Kael, nennt sich aber Alberto, obwohl er früher Alan hieß und ist ein aufgehender Stern am panamäischen Raggaeton-Himmel. Er ist sehr freundlich, sein Gesicht ist makellos, sein Körper wohltrainiert. Dann wird er herausgerufen, man dreht einen Rappart vor dem Hotel, oben in seinem Zimmer sitzt eine Schönheit auf seinem Bett und wartet darauf, sich mit ihm durch die frisch gewaschenen Laken zu wühlen. Ich esse auf und mache meinen Spaziergang.

EIMG_3793in Schulklasse tobt über den Sportplatz an der Küste, im Theater probt das mittelamerikanische Jugendorchester den Sacre du Printemps von Stravinsky, an der Promenade steht ein einsamer Mann mit einem blauen Sonnenschirm und spielt Trompete. Ein Auto, kaum noch fahrtüchtig, parkt vor einer zusammengefallenen Holzlattenfront, ein paar Meter weiter steht ein alter Mann hinter einem rostig vergitterten Hauseingang. Als ich ihn Frage, ob ich ihn fotografieren darf, macht er eine sehr stolze Haltung.

BIMG_3827ald warnt man mich, hier nicht mehr weiter zu gehen. Eine Frau in einem Treppenhaus ohne Treppe, ein Spielplatz, schimmelnder Putz, zerstörter Maschendraht. Auf einer Wand steht: lache, träume, singe immer.

Als ich zurück komme, probt Kael mit seiner Crew im Hotelzimmer. Auf dem Bett liegt ein Herz aus Rosen, man dreht eine innige Umarmung mit der Schönheit. Ich packe meine Sachen und mache mich auf den Weg zum Flughafen.IMG_3828


1. Oktober

posted by Bleu Broode on 2013.10.09, under Stahlratte
09:

Zum ersten Mal seit meine Mutter mir vor knapp fünfzehn Jahren in einem Wahn von Erziehung die häusliche Pflege nahe legen wollte, habe ich ein Bügeleisen in der Hand. Ich habe mich in einem sehr guten Hotel eingemietet, den Besitzer habe ich vor einiger Zeit beim abendlichen Wein Trinken kennen gelernt, zum Abendessen möchte ich fein aussehen. Ich habe kein Bügelbrett, nur den blanken Fliesenboden, was die Arbeit nicht erleichtert. Dazu schwitze ich und bin schmutzig. Aber ich werde mich duschen, mit Shampoo und allem, und am Ende werde ich sehr gut aussehen.

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Mein Bett ist cremeweiß bezogen und breiter als ich lang bin. Ich wohne im Dachgeschoss mit Zugang zur Dachterrasse mit Blick über ganz Panama City, Fernseher, Sky-Receiver, Regenwalddusche im Bad. Bis eben habe ich Fußball mit ein paar panamäischen Jungs gespielt. Ein Platz aus schwarzgebranntem Beton, die Tore aus Stahlrohr und Fischernetz, das Spiel hart und kleinlich, mit der Dauer immer unfairer, nebenan marschierte eine Militärsabteilung in Uniform. Man trug Barfuß, manche Schuhe, zwei Jungs teilten sich ein Paar, einer links einer Rechts, irgendwann mahnte man uns, T-Shirts anzuziehen und zu einem gewissen Zeitpunkt, bevor ich den Überblick verlor, führte mein Team mit zwei Toren.

Jetzt ist mein Hemd fertig gebügelt und ich trinke Chimay auf der Dachterrasse. Ich habe Maracujas gekauft, und Ziegenkäse. Ich bin gespannt, wie das wird am Amerikanischen Zoll, wenn man meinen Reisepass inspizieren wird, all die Reisen zwischen Kolumbien und Panama, man meinen Bart genau anschauen wird und ich auf die Frage was ich dort gemacht habe, antworten werde, ich hätte auf einem Schiff gearbeitet.

Ich höre Hunde und Autos und Kinder und eine große Panansonic-Leinwand wirft Werbung über die Skyline. Lichter spiegeln sich in der Bucht.

Ich schaue hinunter auf das Treiben des Szene-Hostels unter mir. Laute und hippe Musik, lauter hippe Menschen, der Außenbereich wohlbeleuchtet. Dahinter, hinter der Mauer mit dem Elektrozaun, liegt ein Mann auf einer Pappe und schläft.

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Ich stehe auf der Dachterrasse eines Hotels in einer Stadt, die ich nicht verstehe, die von Banken und Großkonzernen beherrscht wird, die pulsiert zwischen Armut und Wehmut und Reichtum und Fernweh, in deren steinernen Ritzen Pflanzen wachsen, in deren düsteren Schatten Menschen schlafen und deren Facetten so schwindelerregend scharf sind, dass es in meinem Kopf rauscht.


29. September

posted by Bleu Broode on 2013.10.09, under Stahlratte
09:

Ein letztes Mal unter vollen Segeln. Ich sitze an der Spitze des Klüverbaums, spüre den Wind im Bart und warte darauf, dass sich eine Brise darin verfängt, die ich mit nach Hause nehmen kann.

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Und dabei guckt hinten mein Schildchen raus. Wer genau hinguckt, merkt, dass wir auf dem Bild auch nicht unter vollen Segeln sind.

24. September

posted by Bleu Broode on 2013.10.09, under Stahlratte
09:

Im Hard-Rock Café von Cartagena spielen sie Diamonds von Rihanna. Der Raum ist klimatisiert, die feuchte Stadt-Luft ist ausgeschlossen, an der Wand hängen Raritäten der Musikgeschichte, es gibt gute Cocktails, die gleichen wie in allen Hard-Rock Cafés, das gleiche Menü, die Einrichtung würde sich auch gut in Charlotenburg-Wilmersdorf machen. Der zweite thermodynamischer Hauptsatz besagt, dass in einem geschlossenen System alle Substanzen nach Gleichförmigkeit strebt. Man nennt das die Zunahme der Enthropie. Dieser Anpassungsprozess findet so lange statt, bis alles in einem Zustand gleichförmiger Bewegunslosigkeit endet.

26. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.28, under Stahlratte
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Das Problem mit der kaputten Waschmaschine ist nicht mehr, dass ich keine saubere Unterwäsche mehr besitze, vielmehr ist es nun so, dass ich keine heile Unterwäsche mehr besitze.

Rosalinda

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
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An meine Ur-Großmutter erinnere ich mich nur noch wenig. Häufig saß ich auf ihrem Schoß, sie trug immer eine rote Strickjacke mit verschiedenen Broschen, an denen ich herumspielte und deren dunkles Funkeln mich bezauberte. Zur Straße hinaus lag der Vorgarten, dessen dichter Tannenbestand den Fenstern das Licht raubte, und Große Mutter (so nannten wir sie) stand oft dort und schaute hinaus, die Passanten zu beobachten, während sie sich unablässig und gedankenverloren über die eigenen Handrücken strich. Sie war so heilig, wie sie da stand. Ihr weißes Haar war stets wie eine Krone zu einem Dutt gebunden.

Am Rande von Kuna Yala, geschützt von zwei großen Außenriffen, an denen sich Haie und Papageienfische Guten Tag sagen, liegt das Insel-Archipel Banedup. Vier kleine Inselchen, Palmen darauf, Blumen, die aussehen, als schmilzen sie in der Sonne, ein paar Pelikane, Seesterne. Eine der Inseln trägt eine Bambushütte, eine weitere wird von zwei alten Damen bewohnt. Hier lebt Rosalinda, die Herrscherin der Palmenplantagen.

IMG_3108Rosalinda trägt die bunte Tracht der Kuna: Rotes Kopftuch, Arme und Beine mit breiten Perlenbändern versehen, bestickte Mola, ein Nasenring durch das Septum. An den Seiten ihrer Augen kräuseln sich die Falten. Ihre Eckzähne sind vergoldet, sie treibt gerne Scherze und sie lacht laut, wenn ich sie bei den Hüften packe und ein Stück durch die Gegend trage. Manchmal stiehlt sie Sonnenbrillen und sie nennt mich Nonsuidi, was Glatze heißt. Wenn sie Geschenke verteilt, tut sie es mit aller Güte die einem Menschen zuteil werden kann. Sie sagt dann, man sei ihr Anai, was Freund heißt, und man weiß, dass sie es so meint.

Ihre Hände sind so alt wie der Wind. Sie ist ehern und fröhlich und ich möchte ihr Gesicht auf der Innenseite meines Kopfes verstauen, um es immer wieder hervor zu holen, wenn ich einmal das Gefühl habe, etwas sei nicht gut so wie es ist.

Ich habe mehrfach versucht, Rosalinda in Worte zu fassen und ich finde, es ist mir immer noch nicht geglückt.

Einfach gesagt, sie ist eine Königin.

Eine Königin, wie Große Mutter sie war, wenn sie am Fenster stand und nach draußen schaute und sich zeitlos und besonnen über die Handrücken strich und dabei eine Zufriedenheit ausstrahlte, die einen alles andere vergessen ließ.IMG_3592

23. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
23:

Die Bilge ist der unterste Teil des Schiffs. Dort sammelt sich aller Unrat. Jegliche Flüssigkeit, die irgendwie an Deck gelangt, landet früher oder später in der Bilge.

Blöd ist, wenn einem etwas in die Bilge hineinfällt. Dann muss man die schweren Laufplatten im Maschinenraum abschrauben und zur Seite heben, muss sich hinlegen und seinen Arm bis zur Achsel in Rost und Modder versenken und muss blind suchen. Ich erinnere mich an die Szene in Trainspotting, in der Ewan McGregor sein Heroin in das dreckigste Klo der Welt fallen lässt, und ich fühle mich ähnlich. Meine Hände finden allerhand Schellen, Schrauben, Muttern, eine Zange, eine Flasche irgendwas, aber nicht das verdammte Fetttöpfchen, nach dem ich suche.

Die Schmiere steht mir von den Fingernägeln bis zu den Ellenbogen, mein gesamter Körper stinkt nach Maschinenöl. Mein Bart hat auch was abbekommen, meinen Rücken kann ich nicht sehen, aber sicher auch. Ich dusche mich mit Spüli, mit Shampoo, außerordentlich gründlich, doch immer noch rieche ich sehr unangenehm. Ein wenig wie ein Gullie – was faszinierend ist, weil Gullies seit jeher, spätestens aber seit den Teenage Mutant Ninja Turtles, eine unheimlich Anziehungskraft auf mich ausgeübt haben. Was ich damit anfangen kann, weiß ich noch nicht, aber ich werde darüber nachdenken.

22. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
23:

IMG_3629Es ist zwanzig Uhr Ortszeit, ich bin zu müde zum Stehen. Den ganzen Tag sowie die letzten Tage haben wir den Rumpf des Schiffes aufgeschliffen und gemalt. Meinen Bauch ziert eine handtellergroße Verbrennung, meine Ellenbogen schmerzen, mein Nacken, mein Rücken. Wie ein Affe bin ich die Bordwand entlang geklettert, zwei Füße und eine Hand an der Rehling, die andere mit einem Pinsel bewaffnet, mitunter zwei Hände, einen Fuß an der Rehling, im freien Fuß einen Lappen, der schlecht zugängliche Stellen reinigte.

Zum Kochen sind wir zu erschöpft, deshalb gibt es Tiefkühlpizza mit gutem chilenischen Wein. Eine Woche noch, dann beginnt meine Heimreise. Ich schaue mir all die Fotos an und wundere mich, was ich alles gesehen habe.

Ich habe nicht viel gekauft und doch werde ich viel mitbringen. Teint und Hornhaut und alles. Ich werde viel zu erzählen haben, wenn ich meine Freunde treffe, wenn wir Karten spielen und Jever trinken und Brot mit viel Butter essen und man mich fragt wie es mir ergangen ist.

IMG_3327Und sicher ist nicht alles gut gewesen. Aber so, wie es ist, war es richtig. So oft wandern wir Hügel hinan, vertrauend und blind, und erst im Rückblick erkennen wir, das da ein Weg war, den wir gegangen sind, der sich in Serpentinen durch die Täler schlängelt.

15. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.19, under Stahlratte
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Wenn mein kleiner Bruder (17, gutaussehend, gepflegte Finger) und seine Freunde einen bestimmten Zustand besonders unterstreichen wollen, dann benutzen sie das Superlativ todes-. Wir haben dafür früher männer- oder pferde- verwendet.

Die Sonne ist todesheiß, sie brennt pferdedoll, ich bin männer am schwitzen. Ich musste mir den Rock meiner Crew-Kollegin leihen. Hosen sind einfach zu warm.