Leseprobe Kleinstadtgeschichten

posted by Bleu Broode on 2009.09.24, under Leseprobe Kleinstadtgeschichten
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Das Buch ist 2009 erschienen. Ich bekam die Möglichkeit nach dem Gewinn der deutschsprachigen U20 Poetry Slam Meisterschaften in Zürich. Gut, das ich es gemacht habe, sonst hätte ich viele gute Leute nicht kennen gelernt. Heute ließt es sich witzig.

Hallo, mein Name ist Helge Grün.

Manche Leute sagen, ich bin ein bisschen zurückgeblieben.

Das kann schon sein, wer weiß das schon? Aber ich denke, dass kommt daher, dass ich eben ein wenig langsamer lebe als die anderen Leute, damit ich mir alles genauer ansehen kann. Und da kann es einem doch schon mal passieren, dass man ein wenig zurück bleibt.

Also,  mein Name ist Helge Grün und ich lebe in einer Stadt. In einer ziemlich kleinen Stadt. Eigentlich ist sie wirklich eine sehr kleine Stadt, aber dafür haben wir eine Bank und eine Kirche und einen Penner und sogar einen kleinen Bahnhof und wenn man durch die Straßen geht, kann es einem schon mal passieren, dass man ein paar nette Leute trifft. Und so kommt das eine zum anderen und das wieder zum nächsten und irgendwann ergeben sich richtige kleine Kleinstadtgeschichten.

Unsere Stadt heißt Neupassau und ich denke, sie ist wirklich die kleinste Stadt der Welt. Aber ich glaube, mittlerweile hat sie sich damit abgefunden und sie ist sogar ein wenig stolz darauf. Sie ist schon fast eine Sehenswürdigkeit, denn wer hat schon mal eine so kleine Stadt gesehen? Jedenfalls möchte ich euch nun ein paar Geschichten erzählen, die man erlebt wenn man mit offenen Augen und Ohren in einer Stadt lebt, in der so viele kleine Dinge geschehen, dass für die großen gar kein Platz mehr ist.

Fantast_neu

Ich habe heute morgen wieder Willie gesehen. Willie wohnt unter mir und er ist mindestens zweihundert Jahre alt. Das heißt, eigentlich wohnt er nicht unter mir, sondern unter meinem Balkon. Zumindest hat er da seinen Schlafsack und die Secondhand-Flaschen, denn Willie sammelt gerne Secondhand-Flaschen.

Manchmal, wenn er abends da so unter mir schnarcht, denke ich, er ist so ein richtiger Kleinstadtpenner: Mit alten Zeitungen, einem Schlafsack, langen, verfilzten Haaren und Biergeruch und so weiter.

Willie trägt eine alte Cordjacke, immer dieselbe, und Schuhe, die sind so alt, dass man denkt, sie müssten bald graue Haare bekommen. Manchmal reden wir miteinander, ich und Willie. Dann stehe ich auf dem Balkon und sage: „Hallo Willie, Guten Morgen“ und er murmelt dann irgendetwas in seinen fluseligen Bart, von dem ich meistens nur verstehe: „Jo ouch wla me schnuu gnar“ Zumindest glaube ich, dass er das meistens sagt -  und dann schnarcht er weiter.

Manchmal denke ich, vielleicht ist Willie morgens nur so muffelig, weil er in Wirklichkeit gar nicht Willie heißt – und wer will schon so früh am Tage mit einem falschen Namen geweckt werden? Jedenfalls hat er mir seinen richtigen Namen nie gesagt. Ich glaube beinah, er hat ihn vergessen. Aber er sieht aus wie ein Willie und er trägt eine Mütze auf der steht „Willies Truckstop“ und ein großer LKW ist drauf. Deshalb nenne ich ihn Willie. Wahrscheinlich hatte Willie früher eine große Truckstop-Kette auf der Route 66 geführt, aber dann hatte er mit der Tochter vom Mafiaboss geschlafen, woraufhin der erst alle Läden von Willie abgefackelt, dann seine Tochter getötet hat und dann Willies Eltern und seine ganze Familie. Und unter all den Toten hat er dann wohl vergessen, Willie auch noch zu töten.

Deswegen lebt Willie jetzt hier. Das ist echt eine harte Geschichte.

Willie und ich sind schon richtige Nachbarn, bloß Willie hat noch keinen Briefkasten. Aber das ist nicht schlimm. Ich glaube, er würde eh keine Post bekommen, außer vielleicht von dem Mafiaboss. Und ich glaube außerdem, dass keiner außer Willies Freunden weiß, wo er wohnt, und seine Freunde können wahrscheinlich nicht einmal schreiben.

Sonst kennen wir uns nicht besonders, Willie und ich, aber er ist schon ein feiner Kerl, besonders im Winter, da macht er Lagerfeuer bei sich und ich kann mir draußen auf dem Balkon die Füße wärmen.

Willi_freundlicher

Heute Morgen habe ich mal wieder auf der Bank vorm Rewe gesessen. Heute war nämlich Samstag und samstags passieren auf der Bank immer die tollsten Dinge. Wie damals, als der Bäckerwagen nicht gekommen war.

Aber heute hat es geregnet, da war natürlich nicht viel los auf der Bank und ich glaube, ich habe mir auch noch einen Schnupfen geholt. Eigentlich war sogar so wenig los, dass gar nichts los war. Also, ich habe niemanden gesehen, außer die dicke Wurstverkäuferin Elisa, die eigentlich keine Wurst verkauft, sondern nur halbe Hähnchen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wurde schon ganz nass und mir war kalt, denn es wurde langsam Herbst. Ich saß da auf der Bank, der Regen leckte an meinem Kopf hinab in meinen Kragen und ich ärgerte mich, dass ich meinen Schirm vergessen hatte. Das heißt, eigentlich hatte ich ihn nicht vergessen, sondern ich hatte vergessen, mir einen zu Kaufen. Und während es so vor sich hin regnete, sah ich plötzlich ein Blatt.

Es lag da auf dem Fußweg vor mir. Ganz harmlos, als würde es keiner Menschenseele etwas zu Leide tun wollen, was ich eigentlich auch nicht erwartet hätte (denn es war ja nur ein Blatt und Blätter sind von Natur aus nicht gewalttätig gesinnt. Außer villeicht bei Brennnesseln). Und nun wie es so da lag, so komplett still und hilflos dem Wetter ausgeliefert, bekam ich Mitleid mit ihm. Komisch, wie groß kleine Dinge werden, wenn es keine großen Dinge darum herum gibt.

Ich schaute das Blatt an. Es war grüngelb, hatte schon ein paar kleine Löcher und der Stiel war abgerissen. Plötzlich wurde ich traurig und stellte mir vor, wie es dem Blatt wohl ergangen war. Wahrscheinlich war es letzten Frühling aus einer kleinen Knospe entsprungen. Es hatte den Kopf aus seiner Knospe gesteckt und gedacht: „Was für ein herrliches Leben! Und die Sonne scheint auch noch!“ Dann hatte es den Kopf gedreht und seine Geschwister entdeckt und es war wohl ganz schön verblüfft gewesen und hatte sich gefragt, wie es sich bloß all die Namen merken soll. Irgendwann, als das Blatt wohl so gefühlte 40 Jahre alt war, kam der Sommer und damit die Wärme und die Blumen. Unten beim Rewe war der große Markt und es roch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Menschen suchten sich unter dem Blatt Schutz vor der Sonne und es war Stolz, so einen großen Schatten zu werfen, obwohl es doch so klein war. Bienen summten um es herum und erzählten ihm Geschichten aus der Welt und von anderen Pflanzen. Das Blatt genoss sein Leben, denn es wusste ja nicht, dass es schon halb rum war. Und doch war es nicht ganz zufrieden, denn irgendetwas fehlte. Das Blatt begann langsam, sich zu Fragen, wie die Welt wohl weiter weg von dem Baum aussehen würde. Die Geschichten der Bienen erzählten von Wiesen und Wäldern und Flüssen und Bächen und das Blatt bedauerte es ein wenig, vor so einem öden Supermarkt geboren worden zu sein und es wünschte sich nichts mehr, als die Welt zu sehen.

Bald nun kam der Herbst mit seinen Stürmen und es wurde ungemütlich auf dem Baum, denn der Wind war eisig und Regen lag schwer auf dem Rücken des Blattes. Die Sonne ließ sich immer weniger blicken und mit der Zeit wurde das arme kleine Blatt schlaff und schwächlich, bis es irgendwann kraftlos gen Boden hing. Den Winden ausgeliefert musste es mit ansehen, wie seine Brüder und Schwestern eins nach dem anderen starben und in den Tod fielen. Mit letzter Kraft klammerte es sich an seinen Ast und hoffte vergeblich auf Hilfe, bis es eines Tages vom Wind erfasst und fortgetragen wurde. Es war nur noch sehr schwach und der Wind spielte mit ihm. Doch mit einem Mal staunte es: Es sah die Welt! Es war frei! Es sah die Straße und den Parkplatz und in der Ferne sah es die bewaldeten Hügel der Stadt, wie es die Bienen beschrieben hatten.

Und nun lag es hier vor meinen Füßen und erzählte mir seine Geschichte. Ich sag ja, auf der Bank ist immer was los!

Ich schaute zu Elisa, die eigentliche halbe Hähnchen verkauft. Sie machte gerade ihren Laden zu, denn es wurde langsam dunkel. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört. Ich stand auf, nahm das Blatt und trug es in den Wald.

Kreuz_neu