15:
Und darauf ich zu ihr:
150 Euro? Madame, das is nich wenig Geld. Davon hatten wir dreimal essen gehen können, ich hatte dich sechs Mal besuchen kommen können, das wären 300 Panini-Sticker Packungen gewesen! À 5 Bilder. Das wären 1500 Panini-Sticker gewesen. Da hätte Christiano Ronaldo bei sein können! Von dem Geld hätte ich mir 30 Kilo frischen Kasseler Nacken kaufen können oder 50 Kilo Spargel, oder sieben Gramm Gold. Ich hätte mit der Bahn nach Zürich und zurück fahren können. Oder nur nach Freiburg und dafür im Bordbistro noch nen Salat essen.
150 Euro, dafür kann man zum Beispiel einen Husky-Schäferhund-Mix-Welpen bekommen, den Ikea Pax-Kleiderschrank mit drei Türen oder eine Haarverlängerung jetzt nur 150,-Euro / Echthaar TOP Angebot. Einfach melden unter 069919881986. Das sind 50 Rosen, 3 Hosen, dafür kriegt man nen riesengroßen… Lutschbonbon oder 300 Dosen Ravioli.
Ich könnt damit zur Hälfte nach Marokko fliegen und dann über dem Mittelmeer abstürzen. Das ist eine Nacht Luxus in München, drei schlechte Blowjobs in Hamburg, 100 schlechte Würstchen in Frankfurt, einen Monat kalt wohnen in Erfurt.
150 Euro…
Das sind 300 Mark. 3000 Reichsmark, 32828 nigerianische Naira, 2.120814 indonesische Rupie.
Selbst Michael Schuhmacher müsste für dieses Geld fast zwei Stunden lang leben.
Wir hätten zu zweit die Jungfernfahrt der Titanic miterleben können, den Absturz der Hindenburg, den Bahncrash in Enschede. Ich könnte dir damit nicht den Mond vom Himmel holen, aber immerhin hätten wir uns ganz romantisch einen Fernseher kaufen können, um die Mondlandung 1969 mit zu erleben.
150 Euro kostet eine originale 1934er Alpenrosenbriefmarke auf geriffeltem Papier direkt aus dem Oberlöchli in der Schweiz. Das sind mehr als ein Breakfast at Tiffanys, mehr als 120 Kilometer Taxifahren, mehr als mit Delfinen zu schwimmen, oder Whales zu watchen oder weight zu watchen oder Bay zu watchen. Mehr als 7500 Mal so rischdisch Kacken zu gehen und danach die Toilettenspülung zu drücken. Die Toilettenspülung zu drücken. Die Toilettenspülung zu drücken. Die Toilettenspülung zu drücken.
Für 150 Euro bekommt man eine Gaspistole samt Munition, aber keine vernünftige Kugelsichere Weste. Für 150 Euro kann man seinem Kind in Bayern drei Jahre lang die Schulbücher bezahlen. Oder der Staat kann davon zwei Tage Gefängnis finanzieren.
150 Euro kostet ein halbe Milchkuh in Ruanda. Oder du kannst dort ein kleines Kind davon sechs Monate lang durchs leben bringen. 40 Euro kostet ein Aidstest. 5 Euro ein Packung Kondome.
Und du fragst mich, was 150 Euro sind?
Letztendlich sind es nur zwei bis drei Lappen Papier.
Und jetzt komm, lass uns ein Eis essen gehen.
15:
Herr Herrmann Mann,
ein einsamer Same,
wär vielleicht viel leichter dran,
hätte der arme eine Dame,
denn die, die die diamantenen Herzen der Damen gewinnen, nennen nennenswerte Werteforscher sicherlich Glücklich
doch Herr Herrmann Mann
sieht durchaus durch aus
und keine kleine Dame entzückt sich
Unternehmen unternehmen viel,
vielleicht leicht viel zu viel
„Schönheit in nur einem Jahr, ja wahrlich wahr“, wars was man warb, was man verspricht.
Verschönern, schön an sich,
doch irgendwann dann wandern
bei Herrn Herrmann Mann
alle Versuche suchend ins nichts
Mak mag Magermodels,
Matt mag Mett
Und er, Herr Herman Mann,
er käm gern bei Anna an,
an Annas Ananas nassnasig naschen,
davon träumt Herr Herman Mann
schon unwahrscheinlich lange,
doch vor ihm im Kaffee-Geschäfte eine komisch konisch lange Schlange
da half kein Murren, Schnurren, Gurren oder Quaken,
das einzige, was man machen konnte,
und ich sag es, weil es wahr war,
war warten.
Denn ihr Kaffee war besser als aus diesen Automaten.
Das liebte man so an ihr.
Ihr irisches Kaffesortiment, ihren englischen Tee mit orientalischen Gewürzen, ihre Milchshakes oh mein Gott!
Oder, wenn man wollte auch nur einen Pott Pott.
Nichts gegen Mandy, die mechanische Kaffee-Fee, mit ihren Kaffee-Fee-Fähigkeiten von go to to to go.
Nein, Anna war gar wunderbar, bar barbarischer Makel
und es konnten ihre Körperformen Formen formen… formulieren wir es so:
Sie konnte sich mit ihren Brüsten brüsten.
Sie, sie war sein Traum, Raum seines Herzens hatte sie gewonnen.
Er, der very poore pure Downtown-Clown,
sie das coole Girl aus der Uptown.
Doch bricht dein Herz einmal entzwei, oder vielleicht sogar in Drittel,
dann fühl dich nicht als Abschaum
streu Streusalz als Wunder-Wund-Allheilmittel,
dann kannst du ja vielleicht sogar die Uptown abtau’n…
15:
Du, du trägst einen schwarzen Anzug. Mit einer rot benadelstreiften Krawatte. Du trägst schwarze Haare, mit lila Strähnchen drin, damit die Welt mal ein bisschen bunter ist. Und wenn du nicht mehr richtig lachen kannst, dann setzt du dir so Glitzersternchen in die Zähne. Die Strahlen imer!
Du isst gerne Fleisch, aber ansonsten versuchst du, vegetarisch zu leben. Deshalb sagst du auch „Quotationsmarks“ und nicht „Gänsefüßchen“. Dein Obst kommt von freilaufenden Bäumen. Deine Krawatten sind von glücklichen Seidenraupen. Du achtest darauf, dass deine Sneekers nur von Kindern aus Bodenhaltung gemacht werden.
Du bist cool. Du liegst im Trend. Perfekt gestylt von hier bis zu deinem letzten Hemd.
Du, du schreibst kein Tagebuch, du schreibst dein Leben Protokoll.
Morgens auf stehen, abends schlafen gehen und du fragst dich, was das soll-
Du warst immer so geht so, so Mittelmum.
Du bist normal. Du bist so normal, du wärst ein guter Selbstmordattentäter. Von dem dann die Nachbarn und Familienangehörigen später sagen: „Was? Unser Timo. Ojemine! Das hätten wir nun wirklich nicht erwartet. Der war doch immer so normal.“
Du bist normal, so normal. Anders willst du gar nicht sein.
Auch wenn es nicht die Wahrheit ist, so wahrst du doch den Schein
Wenn du johlst, dann johlst du laut und schreist: „Heeeey! Geht so!“
Und du: Liebe ist für dich zu Emo und Sex hast du nur für das Rauchen hinterher.
Erzähl ich dir von meinen Problemen, sind es bei dir immer mehr.
Du nimmst die Pille danach, denn du würdest dich gern selbst abtreiben.
Du hörst das Leid nicht gern von andern, du möchtest lieber selber leiden.
Und die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und strebt nach dam Ort, wo sie auf geht. Und du stehst auf, aber wirst nimmer munter und du strebst nach dem Tag, da du draufgehst.
Wenn man dich fragt, wies dir geht, dann sagst du meist: „Ach frag man lieber nich.“
Wenn man dir sagt, dass man dich liebt, dann fragst du, sorgst du dich denn auch um mich?
Du kommst vom Regen in die Traufe und von der Traufe in den Schnee
In dir lodern schon lange keine Flammen mehr,
es läuft ne Kaminfeuer-DVD.
Krieg den Arsch hoch
Zieh den Stock raus
Bau dir nen Zepter
Oder nen Pflock draus
Du hast n Arsch voll Probleme, dann scheiß doch die Wand an.
Tapeten kann man neu beziehen, du musst bloß mal anfangen.
– und dann musst du vielleicht mal knietief in der Scheiße stehen, aber so wie es jetzt ist, so kanns nicht weitergehen.
Krieg den Arsch hoch!
Zieh den Rock aus!
Leg die Eier auf den Tisch!
Änder mal die Sicht
Duuuu kennst das ja:
Die ersten werden die letzten sein,
die derbsten werden die whacksten sein,
die Verse werden die Sätze sein
Wenn du beim Sport immer als letztes gewählt wurdest, dann werd halt Tennislehrer. Dann bist du der Typ, mit dem die Frauen die Typen hintergehen, die dich früher immer ausgelacht haben!
Wenn dein Chef dir wieder mal sagt, dass du dieses falsch, jenes schlecht und überjenes aber mal wieder sowas von verbockt hast, dann schlag ihm ins Gesicht. Verbal und freundlich natürlich, aber bestimmt. Schlag es durch die Blume.
Und wenn du beim Theaterspielen wieder mal der Baum sein musst, dann wirst du der verdammt nochmal beste Baum dieses Universums sein. Sei der Waldschrat. In deinen Blättern wird man den Wind rascheln hören, Uhus werden zwischen deine Ästen hausen und Horden von Eichhörnchen werden aus allen Ecken und Winkeln gerannt, durch Fenster und Türen gekrochen und über höchste Hindernisse gesprungen kommen, nur um eine paar Nüsse in dir zu verstecken. Kritiker werden schreiben: Baum: Ekstatisch! Der Baum stellte alle in den Schatten. Mitloff beherrschte den Romeo, Svalettka überzeugte als Julia, aber Günzelsen als Baum überragte sie alle. Jung, dynamisch, vital. Du bist der Baum, Mann!
Sei kein Frosch! Sei eine Kröte! Eine grüngelb gestreifte Sumpfrohrkröte, mit dem giftigsten Schleim und der längsten Zunge überhaupt! Flieg wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene!
Du hast nur eine Hand voll Leben, also nimm es in die Hand
Und erst wenn du mal den Teufel triffst, dann mal ihn an die Wand
11:
Christo sagt:
„Vergänglichkeit ist ein großer Teil meiner Vorstellung von Kunst. Denn die Zerstörung ist eingeplant.“
Ich sage:
Ich bin Kunst!
Ich begehe meinen Lebenslauf nicht auf ausgetretenem Pfade. Neue Wege braucht das Land! Neben der Spur ist mit einem Bein schon halb im Grabe, doch
Ich bin Kunst!
Und meine Küche ist ein Stillleben! Teller stapeln sich bis zur Decke, Kochtöpfe stehen, kleben neben- und ineinander, eine Leberwurst liegt beleidigt in einer Ecke und entwickelt langsam und still Leben. Expressionismus am Küchentisch! Ich esse einen Topf Tomaten, trinke ein Glas Essig, kotz es gegen die Tapete, streu Zucker drauf und nenne das ganze „Ketchup auf Leinwand“.
Ich bin Kunst!
Ich erfinde völlig eigene Wortkreationen wie: „Das ist ja total torpedostyle, Digger!“
Ich setze Kunstpausen da, wo sie niemand… erwartet.
Mein Finger liegt im Auge des Betrachters. Ich trage Brillen aus Fensterglas, Fenster aus Brillenglas, Gläser aus Bechern, Bächer aus Flüssen, Flüsse aus Seen und apropos Aussehen:
Die Haut wie gemalt, jeder Pickel ein Schönheitsfleck! Verbindet man die Leberflecken auf meinem Rücken nach dem Prinzip von Malen nach Zahlen, ergibt sich ein Bild meiner Mutter. Das nenne ich ein Muttermal, das sich sehen lassen kann!
Ich bin Kunst!
Ich trage keine Designerklamotten. Ich trage das Adamskostüm, nur mit einem Buchsbaumblattvor der Scham bekleidet.
Ich schwimme gegen den Strom, ein ausgetrocknetes Flussbett hinauf, bis ich ganz oben auf dem Olymp angekommen bin. Mir wird arschkalt, weil so ein Buchsbaumblatt echt nicht viel hergibt, aber das ist egal, denn ganz oben stelle ich mich auf das Gipfelkreuz, pisse gegen den Wind auf einen Elektrozaun und schreie:
Ich bin Kunst!
Und ich nehme auch die Drogen, die ein Künstler nehmen muss:
Crack, LSD, Kokain, Heroin, Eigenurin, Gras, Brom, Lachgas, Cristal, Uhu-Stick, Nagellackentferner, Poppers, Bier, Wein, Kaffee, Cola, Milch, Morphium, Speed, Pilze, Frösche lecken, Stechapfel, Mohnkuchen, Cookies, Ether, Spice, Corega-Tabs – mit zwei Phasen – , Penizilin, Benizidrin, Ephidrin, Nikotin, Gagain, Dadain, Koffein, Teein, ihn, ihn, ihn und ihn und euch alle… ihr seid meine Droge…
Ich bin Kunst
Und zwar Moderne!
Noch eine Glatze, doch bald eine Mähne! Haare vom Arsch auf den Kopf transplantiert, da extendiert, coloriert, manipuliert, gegelt, gestylt, frisiert… und schon seh ich aus wie ein Arsch mit Ohren. Und dann wird nicht mehr geschminkt, dann wird gebodypainted! Artificial Arts! Selbst mein Lächeln ist künstlich. Leute lassen sich mein Gesicht auf den Hintern tätowieren und dann scheint ihnen die Sonne aus dem Arsch!
Ich bin Kunst!
Da kann man sich nen Ohr von abschneiden.
Ich stelle mich vor das Bild eines aufstrebenden Jungkünstlers und sage zu ihm: „Katze… Feuer… Probier es mal damit.
Ich werfe Steine im Glashaus, Scheine im Freudenhaus, Kohlendioxid im Treibhaus, Schuhe im weißen Haus, n Arsch voll Probleme? Ich scheiß drauf! Ich nehm reiß aus! Schmeiße Schnitzel vom Grill und lege Mais auf! Mach dir da mal nen Reim drauf! … Torpedostyle.
Ich… sprenge den Reichstag. Das hat nichts mit Kunst zu tun. Es wäre einfach an der Zeit. Aber die Kritiker werden sich den Kopf zerbrechen: Broode sprengt den Reichstag. Was will er uns damit sagen? Ein Aufschrei gegen die Menschheit? Ein anprangern der vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen? Katze? Feuer?
Und dann, wenn ich alles erreicht habe, wenn es in den Trümmern um mich herum vor Ehrfurcht buchsbäumchenstill wird, dann mache ich Kunst vergänglich, nehme ein Seil und…
11:
12.04 Mainz
13.04 Darmstadt
14.04 Osnabrück
20.04 Helmstedt
21.04 Dessau
22.04 Halle, Turm
26.04 Bremen
10.05 Dachau
11.05 Landsberg
12.05 Salzburg
13.05 München
14.05 Krakau (POL) – Autonama
15.-17.05 Lemberg (UKR) – Autonama
18.05 Dresden
19.05 Gera
24.05 Mannheim
25.05 Heidelberg
26.05 Weimar, Mon Ami
30.05 Hamburg, Bunker
31.05 Lüneburg, Salon Hansen
09.-13.06 Israel – Autonama
05:
Hey Leute!
Bald ist mein Buch da!!! Und wenn ihr fein hier auf der Seite sucht, findet ihr sicherlich auch eine Leseprobe! Am 29. Oktober, pünktlich zum National wird es erscheinen!
Also, sobald es da ist: Ab zu Mama, Geld leihen, Buch bei Amazon bestellen, im Buchladen bestellen, bei Lektora bestellen und/oder direkt per Mail bei mir bestellen, lesen, geil finden, weiterempfehlen, nochmal lesen, nochmal geil finden und dann für teuer Geld bei Ebay versteigern und auf die vergoldete Sonderedition mit pinguin-fellernem Einband warten.

Genießt euer Leben wie Pollen in der Nase,
der Bleu
24:
„Und mit einem Mal war ich sehr froh, dass ich ja noch lebte. Das hatte ich beinahe vergessen.“
Helge Grün ist ein zeitloser Geist. Lebend irgendwo im nirgendwo teilt er sich seinen Balkon mit einem geheimnisvollen Obdachlosen namens Willie. Bewaffnet mit einer großen Portion Neugier, Fantasie und Tatendrang erleben sie die größten Abenteuer in einer Stadt, in der so viele kleine Dinge geschehen, dass für die großen gar kein Platz mehr ist. Da gibt es Mafia, Unwetter, Bombenentschärfungen, Weltuntergänge, sterbende Blätter, Suizid-Kühe und immer wieder diese Bank vorm Rewe.
„Kleinstadtgeschichten“ ist Bleu Broodes Semi-Debut-Roman. Volles Debut, semi Roman. Und es hat rein gar nichts mit Poetry Slam zu tun. Vollgestopft mit Kurzgeschichten die irgendwie alle für sich stehen, aber irgendwie auch alle irgendwo miteinander zusammenhängen, entführt dieses Buch dahin, wo die Fantasie keine Grenzen kennt.
Der Autor: „Dieses Buch hat rein gar nichts mit Poetry Slam zu tun. Keinen der Texte würde ich je auf einer Slambühne vortragen. Die Geschichten sind eher als Gute-Nacht-Lektüre gedacht. Es ist ein Buch über das Leben. Und wie im richtigen Leben, passiert darin auf den ersten Blick nichts.
Aber wenn man genauer hinsieht entfalten sich Geschichten und Mythen in den banalsten Situationen: Ob es beim weihnachtlichen Kirchgang ist, beim Fußball gucken, beim Einkaufen, oder einfach nur auf einer orange-farbenen Bank sitzend. Nicht umsonst ist der Hauptcharakter Helge Grün etwas zurükgeblieben, er sieht sich nämlich alles lieber zwei Mal an. Er erweckt tote Blätter zum Leben, spricht mit Bienen, hört zu, wenn alte Männer sich streiten und teilt sich seinen Balkon mit einem Obdachlosen.
Eine leichte Lektüre gegen den immerwährenden Alltagstrott. Auf das man vielleicht irgendwann selbst zweimal hinsieht und sich seine eigenen Geschichten spinnt!“

24:
Hallo, mein Name ist Helge Grün.
Manche Leute sagen, ich bin ein bisschen zurückgeblieben.
Das kann schon sein, wer weiß das schon? Aber ich denke, dass kommt daher, dass ich eben ein wenig langsamer lebe als die anderen Leute, damit ich mir alles genauer ansehen kann. Und da kann es einem doch schon mal passieren, dass man ein wenig zurück bleibt.
Also, mein Name ist Helge Grün und ich lebe in einer Stadt. In einer ziemlich kleinen Stadt. Eigentlich ist sie wirklich eine sehr kleine Stadt, aber dafür haben wir eine Bank und eine Kirche und einen Penner und sogar einen kleinen Bahnhof und wenn man durch die Straßen geht, kann es einem schon mal passieren, dass man ein paar nette Leute trifft. Und so kommt das eine zum anderen und das wieder zum nächsten und irgendwann ergeben sich richtige kleine Kleinstadtgeschichten.
Unsere Stadt heißt Neupassau und ich denke, sie ist wirklich die kleinste Stadt der Welt. Aber ich glaube, mittlerweile hat sie sich damit abgefunden und sie ist sogar ein wenig stolz darauf. Sie ist schon fast eine Sehenswürdigkeit, denn wer hat schon mal eine so kleine Stadt gesehen? Jedenfalls möchte ich euch nun ein paar Geschichten erzählen, die man erlebt wenn man mit offenen Augen und Ohren in einer Stadt lebt, in der so viele kleine Dinge geschehen, dass für die großen gar kein Platz mehr ist.

Ich habe heute morgen wieder Willie gesehen. Willie wohnt unter mir und er ist mindestens zweihundert Jahre alt. Das heißt, eigentlich wohnt er nicht unter mir, sondern unter meinem Balkon. Zumindest hat er da seinen Schlafsack und die Secondhand-Flaschen, denn Willie sammelt gerne Secondhand-Flaschen.
Manchmal, wenn er abends da so unter mir schnarcht, denke ich, er ist so ein richtiger Kleinstadtpenner: Mit alten Zeitungen, einem Schlafsack, langen, verfilzten Haaren und Biergeruch und so weiter.
Willie trägt eine alte Cordjacke, immer dieselbe, und Schuhe, die sind so alt, dass man denkt, sie müssten bald graue Haare bekommen. Manchmal reden wir miteinander, ich und Willie. Dann stehe ich auf dem Balkon und sage: „Hallo Willie, Guten Morgen“ und er murmelt dann irgendetwas in seinen fluseligen Bart, von dem ich meistens nur verstehe: „Jo ouch wla me schnuu gnar“ Zumindest glaube ich, dass er das meistens sagt - und dann schnarcht er weiter.
Manchmal denke ich, vielleicht ist Willie morgens nur so muffelig, weil er in Wirklichkeit gar nicht Willie heißt – und wer will schon so früh am Tage mit einem falschen Namen geweckt werden? Jedenfalls hat er mir seinen richtigen Namen nie gesagt. Ich glaube beinah, er hat ihn vergessen. Aber er sieht aus wie ein Willie und er trägt eine Mütze auf der steht „Willies Truckstop“ und ein großer LKW ist drauf. Deshalb nenne ich ihn Willie. Wahrscheinlich hatte Willie früher eine große Truckstop-Kette auf der Route 66 geführt, aber dann hatte er mit der Tochter vom Mafiaboss geschlafen, woraufhin der erst alle Läden von Willie abgefackelt, dann seine Tochter getötet hat und dann Willies Eltern und seine ganze Familie. Und unter all den Toten hat er dann wohl vergessen, Willie auch noch zu töten.
Deswegen lebt Willie jetzt hier. Das ist echt eine harte Geschichte.
Willie und ich sind schon richtige Nachbarn, bloß Willie hat noch keinen Briefkasten. Aber das ist nicht schlimm. Ich glaube, er würde eh keine Post bekommen, außer vielleicht von dem Mafiaboss. Und ich glaube außerdem, dass keiner außer Willies Freunden weiß, wo er wohnt, und seine Freunde können wahrscheinlich nicht einmal schreiben.
Sonst kennen wir uns nicht besonders, Willie und ich, aber er ist schon ein feiner Kerl, besonders im Winter, da macht er Lagerfeuer bei sich und ich kann mir draußen auf dem Balkon die Füße wärmen.

Heute Morgen habe ich mal wieder auf der Bank vorm Rewe gesessen. Heute war nämlich Samstag und samstags passieren auf der Bank immer die tollsten Dinge. Wie damals, als der Bäckerwagen nicht gekommen war.
Aber heute hat es geregnet, da war natürlich nicht viel los auf der Bank und ich glaube, ich habe mir auch noch einen Schnupfen geholt. Eigentlich war sogar so wenig los, dass gar nichts los war. Also, ich habe niemanden gesehen, außer die dicke Wurstverkäuferin Elisa, die eigentlich keine Wurst verkauft, sondern nur halbe Hähnchen, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich wurde schon ganz nass und mir war kalt, denn es wurde langsam Herbst. Ich saß da auf der Bank, der Regen leckte an meinem Kopf hinab in meinen Kragen und ich ärgerte mich, dass ich meinen Schirm vergessen hatte. Das heißt, eigentlich hatte ich ihn nicht vergessen, sondern ich hatte vergessen, mir einen zu Kaufen. Und während es so vor sich hin regnete, sah ich plötzlich ein Blatt.
Es lag da auf dem Fußweg vor mir. Ganz harmlos, als würde es keiner Menschenseele etwas zu Leide tun wollen, was ich eigentlich auch nicht erwartet hätte (denn es war ja nur ein Blatt und Blätter sind von Natur aus nicht gewalttätig gesinnt. Außer villeicht bei Brennnesseln). Und nun wie es so da lag, so komplett still und hilflos dem Wetter ausgeliefert, bekam ich Mitleid mit ihm. Komisch, wie groß kleine Dinge werden, wenn es keine großen Dinge darum herum gibt.
Ich schaute das Blatt an. Es war grüngelb, hatte schon ein paar kleine Löcher und der Stiel war abgerissen. Plötzlich wurde ich traurig und stellte mir vor, wie es dem Blatt wohl ergangen war. Wahrscheinlich war es letzten Frühling aus einer kleinen Knospe entsprungen. Es hatte den Kopf aus seiner Knospe gesteckt und gedacht: „Was für ein herrliches Leben! Und die Sonne scheint auch noch!“ Dann hatte es den Kopf gedreht und seine Geschwister entdeckt und es war wohl ganz schön verblüfft gewesen und hatte sich gefragt, wie es sich bloß all die Namen merken soll. Irgendwann, als das Blatt wohl so gefühlte 40 Jahre alt war, kam der Sommer und damit die Wärme und die Blumen. Unten beim Rewe war der große Markt und es roch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Menschen suchten sich unter dem Blatt Schutz vor der Sonne und es war Stolz, so einen großen Schatten zu werfen, obwohl es doch so klein war. Bienen summten um es herum und erzählten ihm Geschichten aus der Welt und von anderen Pflanzen. Das Blatt genoss sein Leben, denn es wusste ja nicht, dass es schon halb rum war. Und doch war es nicht ganz zufrieden, denn irgendetwas fehlte. Das Blatt begann langsam, sich zu Fragen, wie die Welt wohl weiter weg von dem Baum aussehen würde. Die Geschichten der Bienen erzählten von Wiesen und Wäldern und Flüssen und Bächen und das Blatt bedauerte es ein wenig, vor so einem öden Supermarkt geboren worden zu sein und es wünschte sich nichts mehr, als die Welt zu sehen.
Bald nun kam der Herbst mit seinen Stürmen und es wurde ungemütlich auf dem Baum, denn der Wind war eisig und Regen lag schwer auf dem Rücken des Blattes. Die Sonne ließ sich immer weniger blicken und mit der Zeit wurde das arme kleine Blatt schlaff und schwächlich, bis es irgendwann kraftlos gen Boden hing. Den Winden ausgeliefert musste es mit ansehen, wie seine Brüder und Schwestern eins nach dem anderen starben und in den Tod fielen. Mit letzter Kraft klammerte es sich an seinen Ast und hoffte vergeblich auf Hilfe, bis es eines Tages vom Wind erfasst und fortgetragen wurde. Es war nur noch sehr schwach und der Wind spielte mit ihm. Doch mit einem Mal staunte es: Es sah die Welt! Es war frei! Es sah die Straße und den Parkplatz und in der Ferne sah es die bewaldeten Hügel der Stadt, wie es die Bienen beschrieben hatten.
Und nun lag es hier vor meinen Füßen und erzählte mir seine Geschichte. Ich sag ja, auf der Bank ist immer was los!
Ich schaute zu Elisa, die eigentliche halbe Hähnchen verkauft. Sie machte gerade ihren Laden zu, denn es wurde langsam dunkel. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört. Ich stand auf, nahm das Blatt und trug es in den Wald.

23:
Prolog:
Schon Schiller scholl es aus dem Munde:
Abends wards und wurde Morgen
Nimmer nimmer stand ich still.
Aber immer bliebs verborgen,
Was ich suche, was ich will.
Während du schliefst habe ich an deinem Bett gewacht, Kleine.
Ich achtete darauf, dass du auch richtig zugedeckt bliebst, dass kein klammes Beinchen sich in die Kälte streckt. Wenn du gemurrt hast, habe ich dir den Kopf gestreichelt. Habe dir kleine Tropfen feiner Fantasie auf die Nase getippt, dir Wolkenbilder in den Kopf gemalt und Geschichten erzählt. Während du schliefst saß ich an deinem Fußende, Treue, habe dir und deinen Träumen wie versunkenen Schätzen zugehört und manchmal, einfach nur so, hab ich dir einen Kuss gegeben. Während du schliefst habe ich die Monster unter deinem Bett vertrieben, Verwegene, habe sie aus dem Zimmer gescheucht und ihnen Beine gemacht, dass sie sich bloß nicht mehr blicken ließen.
Doch manchmal ist das Leben eben schneller als man selbst und dann ist man da, wo man hin will, bevor man weiß, wo das liegt – und schon weg, bevor man angekommen ist.
Manchmal will man so viel.
Man sagt ja, ohne nachzudenken, sagt nein, ohne abzulehnen, geht Termine und Verpflichtungen ein, die zu erfüllen man selbst nicht im Stande ist. Rennt und rennt dem Uhrzeiger nach, und merkt nicht, dass man sich dabei im Kreis dreht. Und dann bräuchte man Wunder, wenn einem das nicht alles über den Kopf hinaus wachsen sollte, wie deine Haare, wenn du mal wieder länger nicht beim Friseur warst.
Während du schliefst, stand ich auf fremden Bühnen, sprach mit fremden Menschen, knüpfte Freundschaften und Kontakte zu einem Netz, das zu engmaschig war, als dass ich selbst hätte hindurchschlüpfen können.
Ich hab Rum und Ehre erstrebt, wahre und falsche Freunde getroffen, hab Nächte zu Tagen gemacht, gezecht und Gelage gemacht, geraucht und gesoffen. Um dann nach ein paar tausend Wochen dir zu sagen, dass man sowas nicht tut.
Denn manchmal scheint es mir, Erfolg sei eine Lawine: Er wird größer und größer und endet im Tal.
Und bei Tage? Bei Tage saß ich in irgendwelchen Zügen, vollgestopft mit irgendwelchen Menschen aus irgendwelchen Gegenden, die oft nicht viel mehr zu erzählen wussten als wohin und woher und dass der Schokokuchen im Bordrestaurant sehr schmackhaft sein soll. Zehn Minuten vor Fahrtende stand man auf, um auch ja nicht den Ausstieg zu verpassen. Und ich fragte mich, ob diese Menschen das wohl auch zu Hause. Oje, in zehn Minuten muss ich los, ich stell mich mal lieber schon an die Wohnungstüre.
Und bald schrieb ich Rechnungen, statt Geschichten und Emails statt Briefe. Ich lernte das Leben kennen und mich selbst vergessen. Gab mich selten zufrieden mit dem, was ich hatte, was mehr war als alles, ich jemals gedacht.
Und wenn du schliefst, war ich wach, und wenn du wachtest schlief ich ein.
Und wenn ich schlief, dann schlief ich unruhig und oft viel zu kurz, träumte zwar noch von versunkenen Schätzen doch die waren mir schnurz, Wolken malten keine Bilder, sondern Regen ins Gesicht, und es mahlten meine Zähne, nur die Stifte malten nicht.
Heimweh war ein Gefühl, dass ich kannte, aber zu unterdrücken im Stande war. Doch Heimweh ist wie schlechter Apfelsaft. Es gärt und gärt in einem, bis es ganz bitter auf der Zunge schmeckt.
Und während du schliefst habe ich die Monster unter deinem Bett vertrieben, Verwegene, habe sie aus dem Zimmer gescheucht und ihnen Beine gemacht. Ich war da während du schliefst. Doch wenn du wachtest viel zu selten.
Epilog:
Abends wards und wurde Morgen
Nimmer nimmer stand ich still.
Aber immer bliebs verborgen,
Was ich suche, was ich will