Belo Horizonte – An der Lagoa

posted by Bleu Broode on 2016.03.01, under Brasilien
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An der Lagoa da Pampulha im Norden von Belo Horizonte kann man die Vögel singen hören. Hühner picken im Schatten der Mangabenbäume, nur sehr selten ist ein Hupen zu vernehmen. Manchmal hört man den Verkehr überhaupt nicht. Hin und wieder bellt ein Hund. Belo Horizonte é um ovo, sagen die Einwohner. Belo Horizonte ist ein Ei. Man kennt sich.

Als verschlafenes Nest präsentiert sich diese Stadt mit ihren zweieinhalb Millionen Einwohnern. Als man sich 1889 entschied, Ouro Preto, die alte Hauptstadt von Minas Gerais, abzusetzen und Belo Horizonte zum neuen Mittelpunkt des Landes zu machen, war die Stadt noch nicht viel mehr als ein Dorf. Und mit einem Mal die Hauptstadt einer Provinz, die beinahe so groß war wie Frankreich. Fast das gesamte Zentrum wurde von heute auf morgen am Reißbrett errichtet. Da wurden nicht nur einzelne Gebäude entworfen, da entstanden ganze Hochhauskomplexe aus dem Nichts. Straßenzüge, vollständige Viertel wurden binnen kürzester Zeit in die Landschaft gestampft.

Pampulha, mein Wohnort und Studentenstadtteil mit seinen Wohnheimen und der knapp 50 000 Studenten fassenden UFMG entstand 1943 als ein Projekt des damals aufstrebenden Nationalhelden Oscar Niemeyer. Seen, Kirchen, Avenidas, alles wurde in geordneten Strukturen angelegt. Hier, sagt man, übte Niemeyer für Brasilia.

Das Zentrum des Stadtteils bildet die 18 km im Umfang messende Lagoa da Pampulha. Die Kronen der Palmen werfen Schatten auf das grüne Wasser, die Uferstraße ist von einem einer Rennradspur begleitet. Alles ist hier wohl geordnet, geformt und proportioniert. Der ganze Stadtteil ein Kunstwerk – und dadurch irgendwie künstlich.

Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass man Teil einer Kulisse ist. Der Vogel dort im Baum ist doch bloß Staffage! Es ist zu ordentlich hier, eine bisschen wie im Legoland. Nichts Unerwartetes wird hier passieren, nichts, was dem Heimweg von der Uni eine spannende Pointe verpassen könnte. Außer vielleicht einem Rudel Wasserschweine, das einem manchmal am Ufer der Lagoa in der Dunkelheit begegnen.

An ihrem südlichen Ende stößt die Lagoa da Pampulha auf die Avenida Fleming. Hier gibt es Bars und Botecos, Fleisch und Pommes mit Käse überbacken, und Brasilianischen Country, weil das die Musik ist, die man hier hört. Sertanejo nennt sich das. Fernando und Sorocaba. Die Heiligtümer der Stadt sind Zuckerrohrschnaps und Käse. Caipiras, Bauern nennt man die Einwohner von BH in Sâo Paulo.

Unweit der Avenida Fleming liegt auf einer Anhöhe das Mineirão. Das Wahrzeichen, das Mahnmal der Stadt. Jeder Brasilianer kennt es. Vom 8. Juli 2014. Vom Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Brasilien.

Wie ein gefallener Stern liegt es in der Landschaft. Das Mineiraço, diese unerklärliche Niederlage ist längst zu einem geflügelten Wort für alles Schlechte geworden, das einem hier passieren kann.

Aus den Lautsprechern an der asphaltierten Praça vor dem Stadion dringt traurige Cowboymusik. Irgendein Metallgerüst wird abgebaut oder aufgebaut, man weiß es nicht. Wie zum Hohn sitzen zwei Adler auf den steinernen Streben der Ränge. Es würde mich nicht wundern, säße hier noch immer einer im Brasilientrikot und wische sich die ungetrockneten Tränen aus dem Auge. Hier liegt das letzte große Trauma des Landes als offene Wunde auf einem Hügel. Vielleicht ist es deshalb so still hier. Man versucht zu hören, ob Gras über die Sache wächst.

Doch so übel ist das Leben gar nicht in Belo Horizonte. Man kann nachts sicher durch die Straßen wandern, man kann eine Straße überqueren, ohne Angst haben zu müssen, jeden Moment von einem Verrückten überfahren zu werden, es tun einem nicht die Ohren weh vom ständigen Lärm der Autos und Geschäfte, und es gibt einen Sternenhimmel, an dem nachts echte Sterne zu sehen sind!

Und wenn man abends hinaus in die Hügel von Mangabeiras fährt, dann versteht man warum die Stadt Belo Horizonte heißt. Und auch, warum das Land Minas Gerais. Alles wird fein und leise und die Landschaft unter einem ruht zufrieden in sich. Der Himmel streckt sich in alle Richtungen aus und legt sich müde über die Stadt. Wird erst rot und dann gelb und dann immer dunkler. Und schließlich, wenn der Himmel fast schwarz ist, offenbaren sich die glitzernden Stollen von Minas Gerais. Dann schimmert es von Topasen und Rubinen und Diamanten, und du kannst die Loren hören, die hier einst durch die Landschaft rollten.

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Auf einem meiner Heimwege – ich hatte den Bus genommen, aber noch ein gutes Stück zu laufen – fuhr plötzlich ein Auto neben mir her. Es wurde langsamer und langsamer und hielt schließlich an. Ich dachte schon, jetzt sei der Moment gekommen, jetzt würde ich ausgeraubt und nackt nach Hause geschickt, das, wovor mich alle gewarnt hatten – doch der Fahrer lehnte sich nur aus dem Fenster, pfiff mich zu sich und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ob er mich mitnehmen könne. Schließlich sei es dunkel und Nacht und ich brauche doch nicht zu laufen.

Am Ende lässt es sich hier wohl doch ganz gut leben. Der letzte Überfall vom dem ich hörte, trug sich im Vorfeld eines Konzerts zu. Ein Mann zog eine Pistole und forderte mit Nachdruck die vier T-Shirts seiner Opfer. Doch es war nicht nur das! Die T-Shirts dienten als Eintrittskarten für den Abend, eine kreative Idee der Veranstalter, Werbung zu für das Konzert von Fernando und Sorocaba zu machen!

Und natürlich ist so ein Überfall immer scheiße. Aber für Fernando und Sorocaba ist das ok.

Rio de Janeiro – Im Complexo II

posted by Bleu Broode on 2016.03.01, under Brasilien
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Ich bin hier mit der Flupp, einer soziokulturellen Organisation, die Literatur und Spoken Word Kunst in die Comunidades bringen will. Flupp steht für „Festa Literária das Periferias“. Ursprünglich nannte sich die Gruppe „Festa Literária das UPPs“, aber schnell weitete sich ihre Idee aus und man ging mit den Projekten nicht mehr nur in die befriedeten Favelas (UPPs), sondern bis hinaus in die Peripherie. 2012 formierte sich das Team der Flupp, bis heute hat es unzählige Schulen und Comunidades besucht und bereits zwei Anthologien mit Texten ihrer unentdeckten Talente veröffentlicht.
Einige ihrer Autoren haben es bis auf den nationalen Buchmarkt geschafft. Schwarze Autoren. Junge Autoren. So wie Ana Paula Lisboa. 27 Jahre alt, Tochter schwarzer Arbeiter aus der Maré, Zona Norte. Ihre Texte sind in mehreren nationalen und internationalen Anthologien erschienen, zuletzt erhielt sie den „Carolina de Jesus“ Preis.

Vor ein paar Jahren war das noch undenkbar. Die Literaturszene war eine weiße. Eine ältere, eine aus der Mittelschicht. Doch mit Präsident Lula, und später mit Dilma, wurden die Grenzen zwischen arm und reich, zwischen gebildet und ungebildet durchlässiger. Einige schafften es, durch die Maschen des Zauns hindurch zu schlüpfen, und hinüber auf die andere Seite zu gelangen.

Ana Paula bezeichnet sich selbst als „Kind Lulas“. Lula und Dilma seien Präsidenten „para o pobre, o povo“. Für die Armen, für das Volk.

Auf staatlicher Ebene sind beide zurzeit allerdings von Korruptionsgerüchten verfolgt.

Unerreichbar weit oben über dem Complexo schwebt die Teleférico do Alemão. Eine 3,5 km lange Seilbahn, die den Complexo intern verbindet. 2011 eingeweiht verbindet die Bahn über sechs Stationen den Ortsteil Palmeiras mit dem Bahnhof Bonsuccesso. Anfangs war die Fahrt für Bewohner des Complexos kostenlos. Eine gute und günstige Möglichkeit sein Zuhause schnell zu erreichen – was auch die ca. 200 Häuser kompensieren sollte, die für den Teleférico abgerissen wurden. Eine gute Möglichkeit, die Infrastruktur der Zona Norte zu beleben. Heute kostet die Fahrt von einem Ende der Bahn bis zum anderen 5 Reais. Beinahe unerschwinglich für einen Anwohner des Complexos. Auf unserer halbstündigen Fahrt sehen wir exakt zwei andere Gondeln besetzt. Am Wochenende, sagt man, soll es voller sein. Dann kommen die Touristen, die in ihren Reiseführern von der Bahn als Attraktion gelesen haben. Und der Complexo darunter wird zum Zoo.
An die Mauer der Escola Municipal Odilon de Andrade ist ein Graffiti gesprüht:

+ Educação – UPP.

Drinnen im Lehrerzimmer hängt ein Poster: „Elas precisam de escola, não de prisão“. „Sie brauchen Schule, kein Gefängnis.“ Die Kampagne ist ein Protest gegen einen aktuellen Gesetzesentwurf des Staates, das Eintrittsalter von Kindern in Erwachsenen-Gefängnisse von 18 auf 16 herab zu senken- Während gleichzeitig allerorts Gelder an Schulen und Universitäten gestrichen werden. Es geht darum, mehr Struktur in das Leben der Comunidades zu bekommen: ein intaktes Verkehrssystem, Strom- und Wassernetze, allem voran Bildung.

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Auf der anderen Seite der Mauer der Escola Municipal Odilon de Andrade, nachdem wir das eiserne Eingangstor durchschritten haben, spielen die Kinder Fußball. Sie tragen ein weißes T-Shirt mit blauen Streifen, Schuluniform der Prefeitura. Es wirkt als trügen sie es mit Stolz. Die Kinder hier sind diszipliniert, Schule gilt als Privileg. Projekte wie die Flupp sollen helfen, den Horizont über den Complexo hinaus zu öffnen. Ein Teil der Idee ist, Größen der cariocischen und brasilianischen Kulturszene zu Diskussionsrunden einzuladen. Rapper, Fotografen, Kuratoren, Schriftsteller. Vorbilder. Oder ein Deutscher, der ihnen etwas über Poetry Slam erzählt.

„Du bist der erste Ausländer, den ich in meinem Leben sehe“, sagt ein etwa zehnjähriger Junge zu mir. „Nein, warte! Der zweite!“

Dann singen wir die Nationalhymne: mal hoch, mal tief, mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam. Ich erzähle aus meinem Leben, von meiner Arbeit, und schließlich schreiben wir gemeinsam kurze Gedichte. Über Brasilien, über Rio, über den Complexo do Alemão.

Brasilian ist wie eine Mutter ist wie Familie ist wie Geborgenheit ist wie ein Zuhause.

Rio ist wie Samba ist wie Karneval ist wie Party ist wie tanzen ist wie gemeinsam sich freuen.

Complexo do Alemão ist wie Armut ist wie zerstörte Häuser ist wie ein neuer Anfang ist wie Hoffnung ist wie ein Ort im Zimmer, ganz für mich.
Ich kann nicht für die gesamte Zona Norte sprechen, nicht für die Gesamtheit aller Favelas. Aber in diesen Gebieten steckt so viel Spannung, so viel Potenzial. Ein Drang zum Leben. Alles steht zwischen Neuanfang und Verfall. Bei den meisten Häusern weiß man nie, ob sie gerade gebaut oder bereits abgerissen werden. Die überall angezapften Stromleitungen verbinden die Wohnungen wie Spinnweben. Dazwischen Hängen die Gerippe von Flugdrachen. Kaum eine Wand, die nicht auf irgendeine Weise betaggt, besprayt bemalt ist. Man will Zeichen hinterlassen. Zeigen, dass man da war, dass man da ist.
Und vielleicht kann die Teleférico am Ende doch noch ein Gewinn für den Complexo sein. Wenn die Menschen aus ihren Gondeln steigen und mit den Menschen in Kontakt kommen. Wenn die Vorurteile zwischen Zona Sul und Zona Norte abgebaut werden, und es gewöhnlicher wird, dass Menschen wie Ana Paula die andere Seite besuchen. Dafür braucht es Bildung und Aufklärung. Organisationen wie die Flupp.

Rio de Janeiro – Im Complexo

posted by Bleu Broode on 2016.03.01, under Brasilien
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Gestern haben sie hier wieder geschossen. Auf Facebook schreiben sie, die Befriedung des Complexos verlaufe über Stahl. Es ist gut, sagt unser Fahrer, dass unser Bus keine verdunkelten Scheiben habe. So etwas mache den Polizisten Angst.
Angst sei immer gefährlich.

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Einen, vielleicht zwei Monate ist es her, dass die UPP, die Unidade de Polícia Pacificadora, die „Befriedungspolizei“, hier vor der Escola Municipal Odilon de Andrade einen Schüler erschoss. Ein spontaner Einsatz, irgendeinen Banditen aus irgendeinem Loch ziehen, Befriedung eben. Und der Junge ist gerannt. Aus welchen Gründen auch immer. Rennen macht hier verdächtig.
2008, ein Jahr nachdem Rio die Wahl für die Fußball Weltmeisterschaft 2014 gewonnen hatte, begann die UPP mit der Säuberung der Favelas. Das alte, von Korruption durchsetzte Polizeiteam sollte unterstützt, und nach und nach durch die junge militärische Spezialeinheit der UPP abgelöst werden. Die Cidade Maravilhosa sollte nicht mehr die dunkle, zwielichtige Stadt sein, in der eine Handtasche oder ein Päckchen Kokain mehr wert sein konnte als das ein oder andere Leben.

Die UPP verhandelte nicht, sie war nicht käuflich. Sie schoss. Dann schaute sie sich um. Wenn ihnen unschuldige zum Opfer fielen, dann waren sie allein schon dadurch nicht mehr unschuldig, dass sie tot waren. Ein Toter konnte sich nicht verteidigen. Und in den Favelas, so die Moral, konnte es keinen falschen treffen.
Wenn man hier die Menschen fragt, was sie von der UPP halten, kriegt man selten eine positive Antwort. Befriedung nennen es die einen. Besetzung die anderen. Die alten Mächte, die Drogenkommandos, hatten sich über Jahre in den Favelas etabliert. Sie waren mit dem Complexo aufgewachsen, man kannte sich, kannte die Gepflogenheiten, wusste, wie man sich wem gegenüber zu verhalten hatte. Doch nun sind die Hierarchien durcheinander geraten. Eine Fluktuation der Drogenkartelle hat begonnen. Überall entstehen neue Machtkämpfe. Es ist keineswegs so, dass die Kriminalität in den befriedigten Gebieten besiegt ist. Vielmehr wurde sie unterdrückt. Ist abgewandert in die Peripherie.
So ist die Situation zwischen den Spielen. Im kommenden Jahr, zu Olympia, soll die Stadt noch einmal glänzen. Soll Aushängeschild Brasiliens sein, ruhig und sicher. Niemand hier kann sich ausmalen, was danach passiert. Wenn die Spiele vorbei sind, wenn die UPP abrückt, und ein Machtvakuum hinterlässt, dass danach ruft, gefüllt zu werden.

Bereits in den 90er Jahren gab es eine ähnliche Situation. Als einige in den Ruhestand getretene Polizisten bemerkten, dass sie immer noch Macht in den Favelas hatten. Und dass sie diese durch ihre Beziehungen in Politik und Verwaltung ausbauen konnten. Sie boten Fernsehnetze an, Gasflaschen, Sicherheitsdienste. Und ihre Macht wuchs. So entstand die „Milicia“. Ein weiteres Kartell neben den bereits existierenden „Comando Vermelho“, „Terceiro Comando“ und „Amigos dos Amigos“. Die Milicia, so sagt man, sei die schlimmste, die brutalste und unberechenbarste unter den kriminellen Banden.
Auch sie kamen nicht aus den Favelas, waren nicht in dieser Umwelt aufgewachsen, in der man sich seit Kindesbeinen an kannte, und wusste, wie man einen Gefallen vergalt. Wie man in bestimmten Situationen Gnade walten lassen konnte. Die Milicia kannte kein Erbarmen. Kennt sie bis heute nicht.
Ähnlich wie die UPP. Einige behaupten, sie agiere vornehmlich in anderen, nicht von der Milicia kontrollierten Gebieten. Um diese zu schwächen und die Milicia zu stärken. Befehle von oben, sagt man. Hinzu kommt, dass die Einheit der UPP sehr jung ist. Militärisch perfekt ausgebildet, aber unerfahren. Und so häufen sich erneut die Gerüchte über die Korruption.
So wie hier im Complexo do Alemão. Das Comando Vermelho ist hier sehr stark vertreten. Das Gebiet ist hügelig, die Kämpfer gut vernetzt. Die sich windenden Betongassen kaum zu überschauen. Und so herrscht Krieg zwischen den Fronten.
Die Schulen und ihre Schüler stehen dazwischen.

Hitzefrei gibt es hier nicht. Nur manchmal, wenn wieder geschossen wird.

Gestern haben sie hier wieder geschossen. Auf Facebook schreiben sie, die Befriedung des Complexos verlaufe über Stahl. Es ist gut, sagt unser Fahrer, dass unser Bus keine verdunkelten Scheiben habe. So etwas mache den Polizisten Angst.
Angst sei immer gefährlich.

Rio de Janeiro – Von Thigh Gaps und Prachtpos

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
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Die Brasilianer sind ein schönes Volk. Bunt und sportlich und voller Leben. Sie haben volles und dunkles Haar,  und die Körper, vor allem in Rio, sind sehr sportlich. Die Haut in allen Farben von Crème Brûlée bis Lindt Zartbitter. Aber das Prunkstück der Carioca ist ihr Hintern.  Groß und prall muss er sein und in ähnlich ausgeformte Schenkel übergehen.

An den Stränden von Copacabana bis Ipanema sieht man Körper, wie sie die Designer von Computerspielen kaum üppiger hätten gestalten können. Männer in Badeshorts, voller Bizeps, Waschbrettbauch und Pectoralis Maior, Frauen in Bikinis, deren zahnseidene Tangas nur zu oft von den sich darüber stülpenden Pobacken verschlungen werden. Einem kühlen Gemüt fällt es schwer, sich nicht bei jedem zweiten Blick über die Strandpromenade als frivolen Lustmolch zu überführen.

Entgegen dem westlichen Trend zur Magerkultur, vorgetragen von unser aller Heidi Klum, kann hier nichts zu prall, zu bunt, zu braun, zu schrill sein. Perna fina, dünne Beine, ist eine Beleidigung hier. Und es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich schreibe, von einem typischen cariocischen Hintern kann eine fünfköpfige Familie eine Woche lang satt werden.

Da wo in Deutschland gehungert, blass geschminkt, jedes Gramm Fett dem Körper abgerungen wird, wird hier gerannt, gestemmt und gefeiert. Allein die Tänze, Samba, Forro und Baile Funk brennen sich so sehr in die Waden und Schenkel ein, dass ein paar Wochen Rio einem Trainingslager für die Gesäßmuskulatur gleich kommen.

Im Westen hat sich in den letzten Jahren das Schönheitsideal des Thigh Gap entwickelt. Die Schenkel haben nahe des Beckens so dünn zu sein, dass sich ein Spalt bildet, durch den man hindurch sehen kann. Auf den Urlaubsfotos im Netz findet man die untergehende Sonne nicht mehr auf der Hand schwebend, sondern durch die abgemagerten Beine der Models hindurchscheinend. Das mormonische Twillight-Ideal ist längst überwunden. Es langt nicht mehr, nur ein Strich in der Landschaft zu sein. Man will unsichtbar werden. Der Körper ist etwas, das bekämpft werden muss.

Damit könnte man in Rio nichts anfangen. Hier liebt man seinen Körper. Der Carioca will gesehen werden. Natürlich bringt auch das negative Auswüchse mit sich: Silikon, Botox und Eiweißshakes. Aber die Grundeinstellung zum Körper ist eine andere. Hier wird jedes Gramm des eigenen Leibes gehegt und gepflegt und mit Stolz und Würde über die sandigen Laufstege der Stadt getragen.
Von diesen Hintern könnte man sich in Deutschland gerne eine Scheibe abschneiden. Keine Angst, es ist genug da. Und wer dann immer noch unbedingt ein Thigh Gap haben will, der halte es wie Uwe Seeler. Denn das größte Thigh Gap des Landes hat seine Beine nicht durch Hungern erworben. Sondern durch Fußball spielen.
Und das, das können sie hier auch ganz gut.

Rio de Janeiro – Auf den Spuren Stefan Zweigs

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
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Aufwachen um 6 Uhr morgens, noch einmal umdrehen gegen den Jetlag. Fünf Stunden Zeitunterschied gehen nicht spurlos vorüber. Ein paar Gymnastikübungen, dann joggen, um die Umgebung zu erkunden.
„Es gibt”, schreibt Stefan Zweig über Rio. „Keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, eine unübersichtlichere. Und doch: Wo immer der Blick in Rio hinwandert, ist er von neuem beglückt.

„Spaziergang durch die Stadt” heißt das Kapitel in seinem „Brasilien – ein Land der Zukunft”. Damals spazierte man und schrieb Briefe. Heute geht man joggen und schreibt einen Blog.

So geht es für mich entlang der Rua Senador Vergeiro, vorbei am Almirante Tamandaré, dem großen Schutzpatron der brasilianischen Marine. Hinunter an die Avenida Infante Dom Henrique. Sechs Spuren, keine Ampel. Auf der anderen Seite die atemberaubende Aussicht über den Praia do Botafogo.

„Man glaubt an einem von Bergen umstandenen See zu sein”, schreibt Zweig darüber, und er hat Recht. Gegenüber der Zuckerhut mit seinen schroffen und regenwaldbeladenen Hängen, mit seiner Seilbahn, und den Affen, die nur darauf lauern, die Hüte, Armbanduhren und Sandwiches der ahnungslosen Touristen zu erbeuten. Rechts der Corcovardo, grau und grün und mit den erhaben geöffneten Armen Jesu darauf. Und rechts die offene Bucht von Guanabara, die sich bis über 50 Kilometer ins Landesinnere erstreckt.

Hier liegt der Ursprung des Namens „Rio de Janeiro”. Am 1. Januar 1502 entdeckte der portugiesische Seefahrer Gaspar de Lemos eine riesige Meereszunge an der Küste dieses noch jungen Brasiliens und hielt sie irrtümlicherweise für eine Flussmündung. Woraufhin er der Stadt, die dort bald an ihren Ufern heranwachsen sollte, den zwar falschen und doch wohlklingenden Namen „Fluss des Januar”, „Rio de Janeiro” gab.

Würde ich dem Praia do Botafogo nach süden folgen, würde ich bald den Praia Vermelha erreichen. Einen schmalen und romantischen Meereszugang, von zwei riesigen Klippen umrahmt, der sich nach Osten hin den ungebremsten und wilden Wellen des Atlantiks aussetzt. „„Keine Luxushäuser, kein Verkehr, keine Geschäftigkeit. Nur Wellen und Fels und Strand und Stille”, schreibt Zweig über diesen Ort. Heute wird sie lediglich hin und wieder von den gebrüllten Appellen der anliegenden Militärakademie unterbrochen.
Nördlich der Praia de Botafogo beginnt bald der Parque do Flamengo. Mein Weg folgt in geschwungenen Wellen der Küstenlinie vorbei an unzähligen Sportanlagen, an denen sich Rentner, Muttis, Bänker und Jugendliche ertüchtigen. Man springt seitwärts, vorwärts, rückwärts durch den Sand, macht Kniebeugen und Sit-Ups, schleudert Autoreifen über die Schulter, spielt Fußball, Volleyball und Beachvolleyfußball. Draußen auf dem Wasser treiben die Stand-up-Paddler. In den Kronen der Palmen sitzen die Papageien und spotten mit heiseren Stimmen. Es ist 8 Uhr morgens und Winter, und die gesamte Stadt ist auf den Beinen.

Untermalt wird das Treiben von einer Vielzahl von Flugzeugen, die immer wieder den Himmel über der Bucht zerfurchen und mit unnachahmlicher Präzision auf dem nahe gelegenen Flughafen Santos Dumont landen.

Um die Wende des 20. Jahrhunderts legte der Brasilianer Dumont, dieser überdrehte Luftfahrtpionier, in Paris den Grundstein für den heutigen Motorflug. Mal schwebte er mit seinen Luftschiffen am Eiffelturm spazieren, mal rettete er sich mit einem beherzten Sprung an einen Balkon aus einem seiner brennenden Flugkörper.
Auf meinem Rückweg sehe ich im Schatten eines weiteren Denkmals, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, die harten Jungs mit Betongewichten trainieren. Hier trägt man keine T-Shirts. Hier pulsieren blaue Adern auf blanken Männerbrüsten. Hier hört man Stöhnen und Prusten, und sieht in verzerrten Gesichtern die Kiefermuskulatur hervortreten. Hier bleibe ich stehen. Ich ziehe mein Shirt aus, hänge mich an eine Klimmzugstange und ziehe mich empor. Für die nächsten zehn Minuten fühle ich mich wie Vin Diesel in einem seiner Knastfilme, durchtrainiert und zu allem bereit, dann verliere ich die Kontrolle über eine Langhantel, sie fällt mir auf den Fuß, und man sieht, wie meine Kiefermuskeln hervortreten.

Stefan Zweig wäre das vielleicht nicht passiert. Aber der spielte ja auch Schach.

Rio de Janeiro – Bem-vindo âo Brasil

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
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Zuletzt der Geburtstag meiner Begleitung.                                                                                                                                                                                Schanze, Hamburger Berg, Heiligengeistfeld. Am Ende übergibt sich jemand. „Kotze!“, ruft ein Punk hinter uns, und: „Yeah!“
Am Morgen: Kaffee und Telefon, letzte Besprechungen, Stau vor Fuhlsbüttel.
Check Inn, Laptop in eine eigene Box, ja, Jacke und Gürtel auch. Die gewohnte Parfumprobe im Duty Free aufs Handgelenk, der Schritt über die Gangway, und schließlich das Gefühl, als das Flugzeug den Boden verlässt. In einem Blechkasten zwischen zwei Welten. Zur Ablenkung Bordprogramm und gelegentliche Wadenpumpen. Man will ja keine Krampfadern.

Ziemlich genau ein Jahr ist seit meinem letzten Besuch in Rio vergangen. Der Pilot kündete damals den Landeanflug an, die Stadt eröffnete sich wie im Traum. Ein sanfter Nebel lag über den schlafenden Hügeln, dazwischen die goldenen und silbernen Lichter der Favelas. Wie Edelsteine waren sie in die Landschaft gestreut. Sie tauchten den Nebel in schummriges Zwielicht und kündeten von tausend Geheimnisse, die dort unten verborgen lagen.
Dieses Mal ist alles nüchterner. Mittelplatz, kein Fenster zum Hinausschauen, nur der kleine Bildschirm vor uns, der über Flughöhe, Uhrzeit und Temperatur am Ankunftsort aufklärt. 5 Uhr morgens, 21°C bei leichtem Wind.

Hinter der Galerie der Empfangshalle des Aeroporto Galeâo ist es noch duster.
Wir verlassen das Flughafengelände und der Stau in Hamburg ist bald vergessen gegen die Blechmassen, die sich hier unter Blinken und Hupen durch die Straßen schieben. Vier-, fünfspurige Autobahnen, Stoßstange an Stoßstange, dazwischen die kleinen Motorizadas, die die Seitenspiegel der Autos vor ihnen wie Slalomstangen umfahren. Die Avenida Brasil ist eine der Hauptschlagadern Rio de Janeiros. Von hier aus ergießt sich der gesamte Verkehr der Südstadt in die einzelnen Barrios. Links die Stahlkolosse der Baia de Guanabara, rechts das Maracaná als silberner Streif zwischen Lochbacksteinhütten. Wir passieren den Sambadromo, diese massiven Betontribünen, entlang derer alljährlich der Karneval in die Stadt einzieht. Schließlich Laranjeiras, Flamengo, unser Wohnviertel.

Es ist hell geworden, und die Stadt empfängt uns mit all ihrer Musik. Mit Palmen und Sand und Hochhäusern und lauten Stimmen und breiten Alleen. Ineiner Parallelstraße zur Küste steigen wir aus. Überall Klimaanlagen, die die Fassaden der Häuser verschandeln. Ein Portier öffnet uns ein Metalltor, ein Fahrstuhl bringt uns nach oben, jemand hat uns einen Präsentkorb bereitgestellt. Omafliesen und Ventilatoren an der Decke. Ein Fenster zum Innenhof. Und ein Bett, das jetzt, um 7 Uhr morgens einladender aussieht als jedes Meer, jede Palme, jede Strand und jede Prachtalle, die da draußen ruft.

Stimmen aus dem Innenhof, jemand kocht etwas mit Knoblauch in einer anderen Wohnung, als wir die Augen schließen. Bem-vindo.

Brasilien – ein Land der Zukunft

posted by Bleu Broode on 2015.09.07, under Neuigkeiten, Reiseblog
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Für das Goethe Insitut, den DAAD und die Casa Stefan Zweig bin ich zwei Monate, vom 17. August bis 14. Oktober in Brasilien unterwegs.

Geschichten von meinen Stationen in Rio, Sao Paulo, Belo Horizonte, Belém und Petropolis gibt es auf:

www.goethe.de/brasil/slampoetry

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Der Berserker

posted by Bleu Broode on 2015.04.30, under Neuigkeiten
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Die Reportage über Martin Strehl, den Big River Man ist  draußen! Die FREE MEN’s World schickte mich Anfang Mai nach Slowenien um mit diesem Wahnsinnigen “zu schwimmen und ein bisschen Wein zu trinken”.

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posted by Bleu Broode on 2015.03.31, under Neuigkeiten
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Mein Kumpel André Herrmann hat ein sehr gutes Buch geschrieben, dass ich jedem empfehlen möchte. Meins steht daneben. Ist auch cool geworden, finde ich. Jedenfalls bin ich stolz.

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Tada!

posted by Bleu Broode on 2015.03.19, under Neuigkeiten
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Es ist da, es ist da! Man entschuldige die Unordnung.

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