Rio de Janeiro – Von Thigh Gaps und Prachtpos

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
29:

DSC_0660
Die Brasilianer sind ein schönes Volk. Bunt und sportlich und voller Leben. Sie haben volles und dunkles Haar,  und die Körper, vor allem in Rio, sind sehr sportlich. Die Haut in allen Farben von Crème Brûlée bis Lindt Zartbitter. Aber das Prunkstück der Carioca ist ihr Hintern.  Groß und prall muss er sein und in ähnlich ausgeformte Schenkel übergehen.

An den Stränden von Copacabana bis Ipanema sieht man Körper, wie sie die Designer von Computerspielen kaum üppiger hätten gestalten können. Männer in Badeshorts, voller Bizeps, Waschbrettbauch und Pectoralis Maior, Frauen in Bikinis, deren zahnseidene Tangas nur zu oft von den sich darüber stülpenden Pobacken verschlungen werden. Einem kühlen Gemüt fällt es schwer, sich nicht bei jedem zweiten Blick über die Strandpromenade als frivolen Lustmolch zu überführen.

Entgegen dem westlichen Trend zur Magerkultur, vorgetragen von unser aller Heidi Klum, kann hier nichts zu prall, zu bunt, zu braun, zu schrill sein. Perna fina, dünne Beine, ist eine Beleidigung hier. Und es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich schreibe, von einem typischen cariocischen Hintern kann eine fünfköpfige Familie eine Woche lang satt werden.

Da wo in Deutschland gehungert, blass geschminkt, jedes Gramm Fett dem Körper abgerungen wird, wird hier gerannt, gestemmt und gefeiert. Allein die Tänze, Samba, Forro und Baile Funk brennen sich so sehr in die Waden und Schenkel ein, dass ein paar Wochen Rio einem Trainingslager für die Gesäßmuskulatur gleich kommen.

Im Westen hat sich in den letzten Jahren das Schönheitsideal des Thigh Gap entwickelt. Die Schenkel haben nahe des Beckens so dünn zu sein, dass sich ein Spalt bildet, durch den man hindurch sehen kann. Auf den Urlaubsfotos im Netz findet man die untergehende Sonne nicht mehr auf der Hand schwebend, sondern durch die abgemagerten Beine der Models hindurchscheinend. Das mormonische Twillight-Ideal ist längst überwunden. Es langt nicht mehr, nur ein Strich in der Landschaft zu sein. Man will unsichtbar werden. Der Körper ist etwas, das bekämpft werden muss.

Damit könnte man in Rio nichts anfangen. Hier liebt man seinen Körper. Der Carioca will gesehen werden. Natürlich bringt auch das negative Auswüchse mit sich: Silikon, Botox und Eiweißshakes. Aber die Grundeinstellung zum Körper ist eine andere. Hier wird jedes Gramm des eigenen Leibes gehegt und gepflegt und mit Stolz und Würde über die sandigen Laufstege der Stadt getragen.
Von diesen Hintern könnte man sich in Deutschland gerne eine Scheibe abschneiden. Keine Angst, es ist genug da. Und wer dann immer noch unbedingt ein Thigh Gap haben will, der halte es wie Uwe Seeler. Denn das größte Thigh Gap des Landes hat seine Beine nicht durch Hungern erworben. Sondern durch Fußball spielen.
Und das, das können sie hier auch ganz gut.

Rio de Janeiro – Auf den Spuren Stefan Zweigs

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
29:

Aufwachen um 6 Uhr morgens, noch einmal umdrehen gegen den Jetlag. Fünf Stunden Zeitunterschied gehen nicht spurlos vorüber. Ein paar Gymnastikübungen, dann joggen, um die Umgebung zu erkunden.
„Es gibt”, schreibt Stefan Zweig über Rio. „Keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, eine unübersichtlichere. Und doch: Wo immer der Blick in Rio hinwandert, ist er von neuem beglückt.

„Spaziergang durch die Stadt” heißt das Kapitel in seinem „Brasilien – ein Land der Zukunft”. Damals spazierte man und schrieb Briefe. Heute geht man joggen und schreibt einen Blog.

So geht es für mich entlang der Rua Senador Vergeiro, vorbei am Almirante Tamandaré, dem großen Schutzpatron der brasilianischen Marine. Hinunter an die Avenida Infante Dom Henrique. Sechs Spuren, keine Ampel. Auf der anderen Seite die atemberaubende Aussicht über den Praia do Botafogo.

„Man glaubt an einem von Bergen umstandenen See zu sein”, schreibt Zweig darüber, und er hat Recht. Gegenüber der Zuckerhut mit seinen schroffen und regenwaldbeladenen Hängen, mit seiner Seilbahn, und den Affen, die nur darauf lauern, die Hüte, Armbanduhren und Sandwiches der ahnungslosen Touristen zu erbeuten. Rechts der Corcovardo, grau und grün und mit den erhaben geöffneten Armen Jesu darauf. Und rechts die offene Bucht von Guanabara, die sich bis über 50 Kilometer ins Landesinnere erstreckt.

Hier liegt der Ursprung des Namens „Rio de Janeiro”. Am 1. Januar 1502 entdeckte der portugiesische Seefahrer Gaspar de Lemos eine riesige Meereszunge an der Küste dieses noch jungen Brasiliens und hielt sie irrtümlicherweise für eine Flussmündung. Woraufhin er der Stadt, die dort bald an ihren Ufern heranwachsen sollte, den zwar falschen und doch wohlklingenden Namen „Fluss des Januar”, „Rio de Janeiro” gab.

Würde ich dem Praia do Botafogo nach süden folgen, würde ich bald den Praia Vermelha erreichen. Einen schmalen und romantischen Meereszugang, von zwei riesigen Klippen umrahmt, der sich nach Osten hin den ungebremsten und wilden Wellen des Atlantiks aussetzt. „„Keine Luxushäuser, kein Verkehr, keine Geschäftigkeit. Nur Wellen und Fels und Strand und Stille”, schreibt Zweig über diesen Ort. Heute wird sie lediglich hin und wieder von den gebrüllten Appellen der anliegenden Militärakademie unterbrochen.
Nördlich der Praia de Botafogo beginnt bald der Parque do Flamengo. Mein Weg folgt in geschwungenen Wellen der Küstenlinie vorbei an unzähligen Sportanlagen, an denen sich Rentner, Muttis, Bänker und Jugendliche ertüchtigen. Man springt seitwärts, vorwärts, rückwärts durch den Sand, macht Kniebeugen und Sit-Ups, schleudert Autoreifen über die Schulter, spielt Fußball, Volleyball und Beachvolleyfußball. Draußen auf dem Wasser treiben die Stand-up-Paddler. In den Kronen der Palmen sitzen die Papageien und spotten mit heiseren Stimmen. Es ist 8 Uhr morgens und Winter, und die gesamte Stadt ist auf den Beinen.

Untermalt wird das Treiben von einer Vielzahl von Flugzeugen, die immer wieder den Himmel über der Bucht zerfurchen und mit unnachahmlicher Präzision auf dem nahe gelegenen Flughafen Santos Dumont landen.

Um die Wende des 20. Jahrhunderts legte der Brasilianer Dumont, dieser überdrehte Luftfahrtpionier, in Paris den Grundstein für den heutigen Motorflug. Mal schwebte er mit seinen Luftschiffen am Eiffelturm spazieren, mal rettete er sich mit einem beherzten Sprung an einen Balkon aus einem seiner brennenden Flugkörper.
Auf meinem Rückweg sehe ich im Schatten eines weiteren Denkmals, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, die harten Jungs mit Betongewichten trainieren. Hier trägt man keine T-Shirts. Hier pulsieren blaue Adern auf blanken Männerbrüsten. Hier hört man Stöhnen und Prusten, und sieht in verzerrten Gesichtern die Kiefermuskulatur hervortreten. Hier bleibe ich stehen. Ich ziehe mein Shirt aus, hänge mich an eine Klimmzugstange und ziehe mich empor. Für die nächsten zehn Minuten fühle ich mich wie Vin Diesel in einem seiner Knastfilme, durchtrainiert und zu allem bereit, dann verliere ich die Kontrolle über eine Langhantel, sie fällt mir auf den Fuß, und man sieht, wie meine Kiefermuskeln hervortreten.

Stefan Zweig wäre das vielleicht nicht passiert. Aber der spielte ja auch Schach.

Rio de Janeiro – Bem-vindo âo Brasil

posted by Bleu Broode on 2016.02.29, under Brasilien
29:

Zuletzt der Geburtstag meiner Begleitung.                                                                                                                                                                                Schanze, Hamburger Berg, Heiligengeistfeld. Am Ende übergibt sich jemand. „Kotze!“, ruft ein Punk hinter uns, und: „Yeah!“
Am Morgen: Kaffee und Telefon, letzte Besprechungen, Stau vor Fuhlsbüttel.
Check Inn, Laptop in eine eigene Box, ja, Jacke und Gürtel auch. Die gewohnte Parfumprobe im Duty Free aufs Handgelenk, der Schritt über die Gangway, und schließlich das Gefühl, als das Flugzeug den Boden verlässt. In einem Blechkasten zwischen zwei Welten. Zur Ablenkung Bordprogramm und gelegentliche Wadenpumpen. Man will ja keine Krampfadern.

Ziemlich genau ein Jahr ist seit meinem letzten Besuch in Rio vergangen. Der Pilot kündete damals den Landeanflug an, die Stadt eröffnete sich wie im Traum. Ein sanfter Nebel lag über den schlafenden Hügeln, dazwischen die goldenen und silbernen Lichter der Favelas. Wie Edelsteine waren sie in die Landschaft gestreut. Sie tauchten den Nebel in schummriges Zwielicht und kündeten von tausend Geheimnisse, die dort unten verborgen lagen.
Dieses Mal ist alles nüchterner. Mittelplatz, kein Fenster zum Hinausschauen, nur der kleine Bildschirm vor uns, der über Flughöhe, Uhrzeit und Temperatur am Ankunftsort aufklärt. 5 Uhr morgens, 21°C bei leichtem Wind.

Hinter der Galerie der Empfangshalle des Aeroporto Galeâo ist es noch duster.
Wir verlassen das Flughafengelände und der Stau in Hamburg ist bald vergessen gegen die Blechmassen, die sich hier unter Blinken und Hupen durch die Straßen schieben. Vier-, fünfspurige Autobahnen, Stoßstange an Stoßstange, dazwischen die kleinen Motorizadas, die die Seitenspiegel der Autos vor ihnen wie Slalomstangen umfahren. Die Avenida Brasil ist eine der Hauptschlagadern Rio de Janeiros. Von hier aus ergießt sich der gesamte Verkehr der Südstadt in die einzelnen Barrios. Links die Stahlkolosse der Baia de Guanabara, rechts das Maracaná als silberner Streif zwischen Lochbacksteinhütten. Wir passieren den Sambadromo, diese massiven Betontribünen, entlang derer alljährlich der Karneval in die Stadt einzieht. Schließlich Laranjeiras, Flamengo, unser Wohnviertel.

Es ist hell geworden, und die Stadt empfängt uns mit all ihrer Musik. Mit Palmen und Sand und Hochhäusern und lauten Stimmen und breiten Alleen. Ineiner Parallelstraße zur Küste steigen wir aus. Überall Klimaanlagen, die die Fassaden der Häuser verschandeln. Ein Portier öffnet uns ein Metalltor, ein Fahrstuhl bringt uns nach oben, jemand hat uns einen Präsentkorb bereitgestellt. Omafliesen und Ventilatoren an der Decke. Ein Fenster zum Innenhof. Und ein Bett, das jetzt, um 7 Uhr morgens einladender aussieht als jedes Meer, jede Palme, jede Strand und jede Prachtalle, die da draußen ruft.

Stimmen aus dem Innenhof, jemand kocht etwas mit Knoblauch in einer anderen Wohnung, als wir die Augen schließen. Bem-vindo.