1. Oktober

posted by Bleu Broode on 2013.10.09, under Stahlratte
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Zum ersten Mal seit meine Mutter mir vor knapp fünfzehn Jahren in einem Wahn von Erziehung die häusliche Pflege nahe legen wollte, habe ich ein Bügeleisen in der Hand. Ich habe mich in einem sehr guten Hotel eingemietet, den Besitzer habe ich vor einiger Zeit beim abendlichen Wein Trinken kennen gelernt, zum Abendessen möchte ich fein aussehen. Ich habe kein Bügelbrett, nur den blanken Fliesenboden, was die Arbeit nicht erleichtert. Dazu schwitze ich und bin schmutzig. Aber ich werde mich duschen, mit Shampoo und allem, und am Ende werde ich sehr gut aussehen.

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Mein Bett ist cremeweiß bezogen und breiter als ich lang bin. Ich wohne im Dachgeschoss mit Zugang zur Dachterrasse mit Blick über ganz Panama City, Fernseher, Sky-Receiver, Regenwalddusche im Bad. Bis eben habe ich Fußball mit ein paar panamäischen Jungs gespielt. Ein Platz aus schwarzgebranntem Beton, die Tore aus Stahlrohr und Fischernetz, das Spiel hart und kleinlich, mit der Dauer immer unfairer, nebenan marschierte eine Militärsabteilung in Uniform. Man trug Barfuß, manche Schuhe, zwei Jungs teilten sich ein Paar, einer links einer Rechts, irgendwann mahnte man uns, T-Shirts anzuziehen und zu einem gewissen Zeitpunkt, bevor ich den Überblick verlor, führte mein Team mit zwei Toren.

Jetzt ist mein Hemd fertig gebügelt und ich trinke Chimay auf der Dachterrasse. Ich habe Maracujas gekauft, und Ziegenkäse. Ich bin gespannt, wie das wird am Amerikanischen Zoll, wenn man meinen Reisepass inspizieren wird, all die Reisen zwischen Kolumbien und Panama, man meinen Bart genau anschauen wird und ich auf die Frage was ich dort gemacht habe, antworten werde, ich hätte auf einem Schiff gearbeitet.

Ich höre Hunde und Autos und Kinder und eine große Panansonic-Leinwand wirft Werbung über die Skyline. Lichter spiegeln sich in der Bucht.

Ich schaue hinunter auf das Treiben des Szene-Hostels unter mir. Laute und hippe Musik, lauter hippe Menschen, der Außenbereich wohlbeleuchtet. Dahinter, hinter der Mauer mit dem Elektrozaun, liegt ein Mann auf einer Pappe und schläft.

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Ich stehe auf der Dachterrasse eines Hotels in einer Stadt, die ich nicht verstehe, die von Banken und Großkonzernen beherrscht wird, die pulsiert zwischen Armut und Wehmut und Reichtum und Fernweh, in deren steinernen Ritzen Pflanzen wachsen, in deren düsteren Schatten Menschen schlafen und deren Facetten so schwindelerregend scharf sind, dass es in meinem Kopf rauscht.


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