26. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.28, under Stahlratte
28:

Das Problem mit der kaputten Waschmaschine ist nicht mehr, dass ich keine saubere Unterwäsche mehr besitze, vielmehr ist es nun so, dass ich keine heile Unterwäsche mehr besitze.

Rosalinda

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
23:

An meine Ur-Großmutter erinnere ich mich nur noch wenig. Häufig saß ich auf ihrem Schoß, sie trug immer eine rote Strickjacke mit verschiedenen Broschen, an denen ich herumspielte und deren dunkles Funkeln mich bezauberte. Zur Straße hinaus lag der Vorgarten, dessen dichter Tannenbestand den Fenstern das Licht raubte, und Große Mutter (so nannten wir sie) stand oft dort und schaute hinaus, die Passanten zu beobachten, während sie sich unablässig und gedankenverloren über die eigenen Handrücken strich. Sie war so heilig, wie sie da stand. Ihr weißes Haar war stets wie eine Krone zu einem Dutt gebunden.

Am Rande von Kuna Yala, geschützt von zwei großen Außenriffen, an denen sich Haie und Papageienfische Guten Tag sagen, liegt das Insel-Archipel Banedup. Vier kleine Inselchen, Palmen darauf, Blumen, die aussehen, als schmilzen sie in der Sonne, ein paar Pelikane, Seesterne. Eine der Inseln trägt eine Bambushütte, eine weitere wird von zwei alten Damen bewohnt. Hier lebt Rosalinda, die Herrscherin der Palmenplantagen.

IMG_3108Rosalinda trägt die bunte Tracht der Kuna: Rotes Kopftuch, Arme und Beine mit breiten Perlenbändern versehen, bestickte Mola, ein Nasenring durch das Septum. An den Seiten ihrer Augen kräuseln sich die Falten. Ihre Eckzähne sind vergoldet, sie treibt gerne Scherze und sie lacht laut, wenn ich sie bei den Hüften packe und ein Stück durch die Gegend trage. Manchmal stiehlt sie Sonnenbrillen und sie nennt mich Nonsuidi, was Glatze heißt. Wenn sie Geschenke verteilt, tut sie es mit aller Güte die einem Menschen zuteil werden kann. Sie sagt dann, man sei ihr Anai, was Freund heißt, und man weiß, dass sie es so meint.

Ihre Hände sind so alt wie der Wind. Sie ist ehern und fröhlich und ich möchte ihr Gesicht auf der Innenseite meines Kopfes verstauen, um es immer wieder hervor zu holen, wenn ich einmal das Gefühl habe, etwas sei nicht gut so wie es ist.

Ich habe mehrfach versucht, Rosalinda in Worte zu fassen und ich finde, es ist mir immer noch nicht geglückt.

Einfach gesagt, sie ist eine Königin.

Eine Königin, wie Große Mutter sie war, wenn sie am Fenster stand und nach draußen schaute und sich zeitlos und besonnen über die Handrücken strich und dabei eine Zufriedenheit ausstrahlte, die einen alles andere vergessen ließ.IMG_3592

23. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
23:

Die Bilge ist der unterste Teil des Schiffs. Dort sammelt sich aller Unrat. Jegliche Flüssigkeit, die irgendwie an Deck gelangt, landet früher oder später in der Bilge.

Blöd ist, wenn einem etwas in die Bilge hineinfällt. Dann muss man die schweren Laufplatten im Maschinenraum abschrauben und zur Seite heben, muss sich hinlegen und seinen Arm bis zur Achsel in Rost und Modder versenken und muss blind suchen. Ich erinnere mich an die Szene in Trainspotting, in der Ewan McGregor sein Heroin in das dreckigste Klo der Welt fallen lässt, und ich fühle mich ähnlich. Meine Hände finden allerhand Schellen, Schrauben, Muttern, eine Zange, eine Flasche irgendwas, aber nicht das verdammte Fetttöpfchen, nach dem ich suche.

Die Schmiere steht mir von den Fingernägeln bis zu den Ellenbogen, mein gesamter Körper stinkt nach Maschinenöl. Mein Bart hat auch was abbekommen, meinen Rücken kann ich nicht sehen, aber sicher auch. Ich dusche mich mit Spüli, mit Shampoo, außerordentlich gründlich, doch immer noch rieche ich sehr unangenehm. Ein wenig wie ein Gullie – was faszinierend ist, weil Gullies seit jeher, spätestens aber seit den Teenage Mutant Ninja Turtles, eine unheimlich Anziehungskraft auf mich ausgeübt haben. Was ich damit anfangen kann, weiß ich noch nicht, aber ich werde darüber nachdenken.

22. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.23, under Stahlratte
23:

IMG_3629Es ist zwanzig Uhr Ortszeit, ich bin zu müde zum Stehen. Den ganzen Tag sowie die letzten Tage haben wir den Rumpf des Schiffes aufgeschliffen und gemalt. Meinen Bauch ziert eine handtellergroße Verbrennung, meine Ellenbogen schmerzen, mein Nacken, mein Rücken. Wie ein Affe bin ich die Bordwand entlang geklettert, zwei Füße und eine Hand an der Rehling, die andere mit einem Pinsel bewaffnet, mitunter zwei Hände, einen Fuß an der Rehling, im freien Fuß einen Lappen, der schlecht zugängliche Stellen reinigte.

Zum Kochen sind wir zu erschöpft, deshalb gibt es Tiefkühlpizza mit gutem chilenischen Wein. Eine Woche noch, dann beginnt meine Heimreise. Ich schaue mir all die Fotos an und wundere mich, was ich alles gesehen habe.

Ich habe nicht viel gekauft und doch werde ich viel mitbringen. Teint und Hornhaut und alles. Ich werde viel zu erzählen haben, wenn ich meine Freunde treffe, wenn wir Karten spielen und Jever trinken und Brot mit viel Butter essen und man mich fragt wie es mir ergangen ist.

IMG_3327Und sicher ist nicht alles gut gewesen. Aber so, wie es ist, war es richtig. So oft wandern wir Hügel hinan, vertrauend und blind, und erst im Rückblick erkennen wir, das da ein Weg war, den wir gegangen sind, der sich in Serpentinen durch die Täler schlängelt.

15. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.19, under Stahlratte
19:

Wenn mein kleiner Bruder (17, gutaussehend, gepflegte Finger) und seine Freunde einen bestimmten Zustand besonders unterstreichen wollen, dann benutzen sie das Superlativ todes-. Wir haben dafür früher männer- oder pferde- verwendet.

Die Sonne ist todesheiß, sie brennt pferdedoll, ich bin männer am schwitzen. Ich musste mir den Rock meiner Crew-Kollegin leihen. Hosen sind einfach zu warm.

14. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.19, under Stahlratte
19:

In der Avenida de Centenario, zwischen Altstadt und Gethsemani, liegt der Bazurto Social Club. Ein großes Holzportal, dahinter tobt das kolumbianische Leben.

Ich trage mein weißes Hemd, dass ich ein paar Tage vorher von einer Millionärs-Yacht gekapert habe, mühe meine Fußballerhüften in die zuvor auf dem Tisch unseres Schiffes gelernten Tanzschritte und benehme mich des Weiteren sehr anständig. Am Ende des Abends bekomme ich großes Lob von meiner Parterin. Ich sei sehr tapfer gewesen, sagt sie.

7. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

BFFs.

IMG_3533

4. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

Ich sitze auf der Rah des Fockmastes und putze mir die Zähne. Von Carti Sugdup scheinen die Lichter herüber. Meine Rechte hält sich fest in der Takelage, wenn ich ausspucken will, muss ich mich weit nach vorne lehnen.

Zähne putzen hat für mich immer etwas Heiliges. Ein Ritual, das dem Tag seine Grenzen weist. Die kreisende Bewegung des Dr. Best Schwingkopfs, der beständige Schrubb-Sound, der ewig gleiche Ablauf haben etwas meditatives.

IMG_3507

Die Kinder von Carti nennen mich Tio Mono. Sie sind die Piratas, die über das Deck rennen, Süßigkeiten schnorren und Kochlöffel stehlen. Man kann sie hoch in die Luft werfen, dann lachen sie, und man kann sie jagen und scheuchen und Blödsinn mit ihnen treiben. Nur die kleineren haben manchmal Angst vor meinem Bart und meiner weißen Haut.

Wenn wir vor Carti liegen, ist das Schiff stets voll mit Menschen. Alles ist laut und unübersichtlich und voller Leben. Jonathan hilft mir beim Kartoffeln schälen, Ceronsito kriecht unter dem Tisch umher und Ingrid hat die Duschbrause entdeckt, mit der sie allerhand Schaden anrichtet. Der Kapitän und die Älteren sitzen am Tisch in der Messe und trinken Rum.

Ich leichter Film liegt jetzt über dem Nachthimmel, der die Sterne zum Verschwimmen bringt. Ich putze schon viel zu lange. Schrubbt man zu intensiv, kann sich der Zahnschmelz abtragen, ich weiß das. Ich stecke mir die Zahnbürste in die linke Backe, lege beide Hände an die Takelage und klettere hinab. Die Lichter von Carti Sugdup werfen lange Schatten. Dahiner schlafen die Piratas und ersinnen neue Abenteuer.

3. September

posted by Bleu Broode on 2013.09.18, under Stahlratte
18:

Es ist immer wieder angenehm, wie die Ruhe einkehrt, wenn eine Überfahrt zu Ende geht.

Der Himmel ist bedeckt wie ich es mag, ein leichter Wind weht und neben mir am großen Tisch sitzt eine Französin, die mehr raucht als ein kaltes Lagerfeuer, die aber recht schön anzusehen ist, zumindest für unsere hungrigen Augen. Das wird wohl auch der Grund sein, warum Xabi sie so sehr umsorgt und ein ganz glückliches Gesicht macht, wenn sie mit ihm redet.

IMG_3503Gestern habe ich am Rande des Dschungels ein Krokodil gesehen. Mein rechter Arm hat sich ganz leer angefühlt, weil ich ihn nicht um meine Freundin schließen konnte, die sich immer so sehr freut, wenn sie wilde Tiere sieht.

Morgen sind wir zu einem religiösen Fest der Kuna eingeladen. Die Chicha Pequena feiert man zur ersten Menstruation der Mädchen: Die Fruchtbarkeit soll gefeiert und ein Partner für die Kleine gefunden werden. Xabi macht Kaffee und irgendetwas mit Roquefort.

Gail an Bord

posted by Bleu Broode on 2013.09.17, under Stahlratte
17:

Gail sammelt gerne Feuerwaffen. Zu Hause weiß er immer, wo seine Pistolen liegen. Er betreibt Großwildjagd zu Charity-Zwecken und natürlich ist er in der Army. Sein Motorrad ist ein deutsches, weshalb er die deutschen mag, ungeachtet dessen hält er das amerikanische Regierungssystem für die einzig wahre Demokratie der Welt.

Seine Finger manikürt Gail mit äußerster Präzision. Er hat ein Nagelset in der Größe eines Werkzeugkoffers, einmal sehe ich ihn vier Stunden lang die Greifer zweier Engländerinnen pflegen, bis ihre Nagelbetten keine einzige Unebenheit mehr preisgeben und er sich enttäuscht abwendet.

Man spürt förmlich, wie sich die einzelnen Glieder der Finger in Lauf, Abzug und Zielvorrichtungen seiner Waffen verwanden und es ist fast rührend mit anzusehen, wie sehr er sie vermisst.

Wenn Gail betrunken ist, erzählt er Geschichten über die Großwildjagd: Wie sehr er Giraffen liebe, wie elegant sie seien, und warum er unbedingt eine schießen wolle; wie er tagelang einem verrückten Elefanten aufgelauert hatte, den zu erlegen ihm die Dorfbewohner für 20 000 Dollar aufgetragen hatten (20 000 $, die er bezahlen musste, wohlgemerkt), wie er den Elefanten dann aber nicht erwischt hatte und deshalb unbedingt noch einmal nach Afrika wolle – wie gesagt, zu Charity-Zwecken.

Denn die Afrikaner, so Gail (eine spezifische Länderbezeichnung war ihm nicht relevant), profitierten ja gleich doppelt von ihm: Geld und das Töten lästiger Tiere.

Gail erzählt enthusiastisch und mit glänzenden Augen und ich frage mich, was für eine Perversion der Gedanke in sich trägt, ein Tier erst dann wirklich für sich annehmen und begreifen zu können, wenn man es erlegt. Es ist ein Besitzanspruch sondergleichen: Dadurch, dass Gail dem Tier das Leben nimmt, gewinnt er das Leben des Tieres für sich. Es ist sein Ausdruck der Zuneigung, sein Zoll des Respekts und plötzlich mache ich mir Sorgen um die Engländerinnen.

Beim Schnorcheln sehe ich eine Schildkröte, die schwimmend durch die Wellen krabbelt, nachts tauchen wir durch das Meeresleuchten und der Rum am Lagerfeuer tut sein übriges. Ein paar Jungs von einem anderen Schiff kommen herüber, unser Käptn moniert, dass er keine „Sausage-Party“ wolle, ich biete dem Käptn des anderen Schiffes Schläge an und wir alle nehmen es Xabi übel, dass er nicht verhindert, dass eines unserer Mädchen von einem Kerl des anderen Schiffs für die Nacht gestohlen wird. Auf der Überfahrt fangen wir zwei Gelbflossenthunfische, die wir in einer guten Sahne-Weißwein-Sauce zubereiteten.

Gail ist überglücklich. Er tanzt um die besiegten Tiere wie um eine Zuckerwatte. Dann fängt er an seine Nägel zu bearbeiten.