30. Juni

posted by Bleu Broode on 2013.07.30, under Stahlratte
30:

Ich habe mir einen Fußball gekauft. Er ist weiß, mit nylonvernähten Wabenpanels, und an manchen Stellen ganz keck orange. Ich hab ihn nicht voll aufgepumpt, damit er sich auch barfuß spielen lässt, und langsam werden meine rostigen Gelenke wieder geschmeidiger. Es ist ein gutes Gefühl.

Hier also beginnt meine neue Karriere. Nach einer Platzwunde im ersten Freundschaftsspiel der letzten Saison mit dem VFB Marburg II waren die Helden-Träume kurz begraben, doch jetzt tauchen sie wieder auf. RBL, der Brause-Verein aus dem Osten, ist das Ziel.

Ich habe den Ball in einer Mall gekauft. Dort ist es kühl, sie haben Klimaanlagen und aus den Lautsprechern klingen schlechte synthetische Remakes von Hits aus dem letzten Jahrtausend.

Vor dem Schaufenster eines kleinen Sportladens blieb ich stehen, denn dort hing ein Werder-Trikot. Es war schlecht gearbeitet, die Fäden hingen lose aus den Nähten, offensichtlich ein fake, aber ein Weder-Trikot.

Natürlich ein Werder-Trikot! Kein Dortmund- oder Bayern- oder Hansa-Rostock-Trikot, sondern ein Werder-Trikot. Wie es sich gehört. Weil die Kolumbianer wissen, was gut ist, haben sie es ganz vorne ins Fenster gestellt und gleich noch den hässlichen Sponsor mit der Massentierhaltung weggelassen.

Man könnte jetzt poetisch werden und sagen, auch das Trikot sei ein schlechtes synthetisches Remake einer Mannschaft aus dem letzten Jahrtausend, und vielleicht stimmt das auch, aber da war ein Wappen auf der Brust und das Wappen war grün und weiß und darunter schlägt ein Herz.

Denn auch Bremen ist eine Stadt aus dem letzten Jahrtausend. Die Hanse ist tot, Bremerhaven liegt brach und der große Kran des Bremer Vulkans liegt abgewrackt in einer Nebenstraße an der Weser. Pisa ist nicht unser Ding und der Länderfinanzausgleich zaubert uns ein Lächeln auf das Gesicht.

Aber bei uns zu Hause in der Koggenstraße steht ein Plüsch-Kiwi, den Wynton Rufer uns geschenkt hat, wir alle wissen, wo Otto Rehhagel seine Zeitung gelesen hat, und es gibt ein Foto, auf dem Thomas Schaf meine kleine Cousine Mini auf dem Arm trägt. Werder ist Bremer Kultur-Gut.

Und deshalb ereifere ich mich jetzt über ein grünes Trikot mit schlecht gearbeiteten Nähten, obwohl ich in Kolumbien und auf einem Schiff bin und eigentlich über andere Dinge schreiben sollte, und deshalb habe ich mir einen Fußball mit keckem Orange gekauft und deshalb singe ich manchmal, wenn ich ganz alleine auf dem Klüverbaum sitze, nur für mich Das W auf dem Trikot. Danach singe ich König Otto von Bremen und manchmal, wenn ich sehr gut drauf bin, auch noch Bayern hat verloren.

Cartagena

posted by Bleu Broode on 2013.07.29, under Stahlratte
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Cartagena trägt den zweifelhaften Glanz einer Kolonialhauptstadt auf den Hüften. Wie der welke Busen einer rüstigen, aber unwillig alternden Diva, hängt sie an der Küste Bolivars. Architektonische Schönheits-OPs kratzen an der Substanz der Zeit. Klunkerbehangen und blumenbedufted.

An der historischen Mauer, die beinahe die gesamte Altstadt umgibt, hat sich schon so mancher Pirat die rumzerschlissenen Zähne ausgebissen. 1741 wehrte General Blas de Lezo eine englische Flotte von 186 Schiffen ab. Man nannte ihn den halben Mann; in verschiedenen Kämpfen zuvor hatte er bereits ein Auge, einen Arm und ein Bein verloren. In diesem letzten Kampf verlor er sein zweites Bein und starb kure Zeit später.

DSC_0765Heute spielt an gleicher Stätte das Konzert des Reisetourismus: Straßenverkäufer, Schlepper, Hotels, Süßigkeiten, Edelboutiken und Plastikimitate. Auf den Plätzen: bunte, glitzernde Irgendwasse, die summend in die Luft fliegen und wieder aufgefangen werden. Wer das mag oder wer darüber hinweg sehen kann, findet wundervoll bouganvillebehangene Gässchen und irgendwo auch eine tolle Bonbonmanufaktur, die ich beim besten Willen nicht mehr entdecken kann. Die Häuser tragen Pasteltöne, die Kirchentüren sind zu den Messen weit geöffnet.

Abseits des Tourismus werden die Farben intensiver. Die Menschen sind zurückhaltender, ärmlicher, ehrlicher. Auf dem Plaza Trinidad wird Sonntags Zumba getanzt. Sie zeigen dort auch Filme, auf einer selbstaufgestellten Großbildleinwand und mit rasselndem Ton. Clowns treten auf, Kinder schießen auf Skateboards durch die Gegend, Mütter, Väter, Jugendliche allen Alters, sobald die Sonne untergeht ist jeden Abend Straßenfest.

Auf dem Weg dort hin, in der Calle Luna, stehen die Prosstituierten. Es rumort, sie schmieren sich Narcotica auf die Brüste, um ihre Kunden willenlos zu machen.IMG_2935

Hinter der Brücke der Yacht-Hafen: Yachten, Hotels, allabendliche Workout-Sessions der Betuchten. Am Wegesrand stehen Banos Caninos, viereckige, reich bepflanzte Sandkästen, die zwar nicht ihrem Zweck gemäß genutzt werden, aber ob ihres Nicht-Gebrauchs sehr schön anzusehen sind.

Im Arbeiterviertel Manga, wo die Imbissbuden von Hand gezogen werden, wird endlich auf den Straßen Fußball gespielt wird. Die Musik dringt laut durch offene Fenster. Eine weiß getünchte, spärlich mit Graffiti beschmierte Mauer schottet das Viertel vom dahinter liegenden Containerterminal ab.

IMG_2887In meinen zehn Tagen in Cartagena verlasse ich, von den täglichen Einkäufen abgesehen, nur zwei Mal das Schiff. Zu weit ist der Weg zwischen Boot und Mole. Zu müde die Augen, zu faul die Haut. Wir hämmern und schleifen den Rost aus den Wänden, streichen und ätzen den Dreck aus dem Deck, dann duschen wir und schwitzen die Metallsplitter aus unserer Haut. Meine Unterarme sind übersäuert, mein Bettlaken ist rostgefärbt. Ich habe Farbe im Bart.

Und Cartagena ist auch von weitem schön anzusehen. Die welke Frau weiß sich zu betten.

Bei Nacht, wenn die Kräne im Containerterminal zu leuchten beginnen, wenn die Hochhäuser von Boccagrande Augen bekommen und die Partycruiser unter schmalziger Musik in die Sterne fahren. Dann liege ich auf dem Oberdeck auf einer blauen Matratze, die an meinem Körper klebt, eine Mütze über der Stirn gegen die Helligkeit, Kopfhörer in den Ohren gegen die Lautstärke und kann auf eine angenehme Weise nicht schlafen.IMG_2858

Nachtwache am 23. Juli, 01:32 Uhr auf der Fahrt nach Cartagena, ausgehend von San Blas wo die Kartoffeln melonengroß auf den Bäumen wachsen

posted by Bleu Broode on 2013.07.26, under Stahlratte
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Ich habe ein Buch bei mir, eine Knotenfibel, ein Seil, eine Mundharmonika, ein Taschenmesser, eine Uhr, eine Tüte Snyders of Hannover Pretzel Pieces Honey Mustard & Onion, zwei Blattpapier, eine Stirnlampe, einen Stift und ein Notizheft. Am Ende habe ich bis auf diese Zeilen vor allem einen langen Brief an die Heimat geschrieben. Ich habe auch ein Bild gemalt, aber das Herz sieht aus wie ein Toastbrot.

DSC_0675Die Sicht ist klar, wir haben Vollmond; bis auf ein paar unverhoffte Großwellen, die den Bug in Gicht tauchen und mich für einen kurzen Moment aufschrecken lassen, liegt die See ruhig. Fahrt unter Motor und zwei Segeln. Der Wind ist nicht stark, aber stark genug, um das Freiluft-Pinkeln an Deck für hygienisch fragwürdig zu erklären.

In den letzten Tagen habe ich ein paar Dinge über Essen gelernt: Je länger man auf See ist, desto größere Portionen Salz und Knoblauch wissen die Mahlzeiten zu verfeinern. Altes Brot wird zu Knödeln, sehr altes Brot zu Knödeln mit viel Knoblauch und Salz. Ein gutes Stück Ingwer im Saft nimmt den überreifen Früchten den gegorenen Geschmack. Guter Nebeneffekt: Gibt man einem Fruchtcocktail ein Stück Ingwer bei, kann man so viel Gin wie gewünscht dazugießen, er wird nicht zu schmecken sein.

In den Nächten habe ich nicht viel geschlafen. Die Gäste trinken viel und schweigen wenig, immer wieder kleinere Unwetter halten uns auf den Beinen. Neben mir auf den Bänken am Tisch schläft eine Mutter mit ihrem Kind. Unter demDSC_0786 Tisch, nur am Schnarchen zu erkennen, schläft auch jemand. Ein Kissen ist eben über Bord geweht, ich war zu langsam es aufzuhalten.

Wir haben einen Stahlzweimaster unter den Füßen und über uns leuchtet die Milchstraße. Morgen erreichen wir Cartagena.

Landgang

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Drei Tage Landgang. Ich liege in einem Hotel in El Valle, einem kleinen, entspannten Ort, dessen grün sprießende Straßen inmitten des Kraters eines erloschenen Vulkans erbaut wurden. Wir wandern die vielen Hügel hinauf, besuchen die Wasserfälle, doch leider ist alles in Wolken. Unter, zwischen, über uns der Regenwald. Auf dem Heimweg werden wir von ein paar Fröschen angegriffen, die das Geräusch von Laserpistolen imitierten. Die Beine ausgiebig zu bewegen ist ein seltenes Geschenk hier.

Culo de Pollo

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Und dann Fiesta auf dem Oberdeck: Wir trinken, tanzen, tanzen auf dem Tisch, am Ende ziehen wir Taucherbrillen auf und baden im Meeresleuchten.

Nachts um vier erwache ich durch ein Reißen an der Ankerkette. Ich klettere aus meine Koje, renne in den Bug, doch der Käptn ist nicht da.

So oft wird das Bild des die Luft zerreissenden Blitzes bemüht, doch es ist der Donner, der dieses Vakuum füllt. Ich kann hören wie die Luft zerbricht. Das Schiff rollt und stampft, der Wind singt in den Seilen.

An Deck ist es stockdunkel. Kurz ist alles hell, dann wieder dunkel. Das Meeresleuchten bricht sich am Schiffsrumpf und wirft Irrlichter in die See. Xabi kommt mit entgegen, dahinter der Käptn, sie haben einen zweiten Anker fallen lassen, um das Schiff an seinem Platz zu halten. Wir sichern die Fenster, dann eilen wir zum Großsegel, dass sich gelöst hat, und befestigen es mit weiteren Tauen. Viel mehr können wir nicht tun. Würde das Unwetter schlimmer werden, müssten wir die Maschine anschmeißen, um in sichere Entfernung zu den Inseln zu gelangen. Doch es wird nicht schlimmer.

Ich mache einen weiteren Rundgang über das Deck, mehr aus Abenteuer denn aus Not, noch einmal ist alles hell, dann ist das Unwetter vorüber. Der Käptn schläft schon wieder.

Ich lege mich in die Hängematte im Heck und verfolge die Nachwehen des Sturms mit den Augen. Erst jetzt merke ich, wie betrunken ich noch bin.

Rezepte 3

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Schnaps

Glas randvoll. Trinken, bevor es überläuft.

Die Anerkennung auf dem Schiff hängt von der Größe des Glases ab.

8. Juli

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Ich habe ein Maßband, dass man ein- und ausfahren kann. Hin und wieder, meist gegen Abend, wenn ich mich einsam fühle, fahre ich es auf die ursprünglichen einhundertdreizehn Zentimeter aus, um es dann auf das Maß der Tage, die mir noch bleiben, zu kürzen. Es ist gut, sich die Zeit zu visualisieren. Es macht greifbar, was ansonsten unfassbar erscheint. Siebenunachtzig Zentimeter trennen mich und mein zu Hause.

7. Juli

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Die zehrendsten Tage sind die, an denen es nichts zu tun gibt. Die Wolken drücken mit einer ungeheuren Last auf das Schiff. Man hört den Donner, man sieht die Blitze, aber das Unwetter will nicht kommen. Man streift das Deck entlang, zum Bug, wieder zurück, auf das Oberdeck, in die Maschine. Kein Wind, keine Wellen. Dann wieder zum Bug. Jede verstreichende Sekunde ist bewusst. Zum Bug, auf das Oberdeck, in die Maschine, zum Bug. Ein Schwarm Müll treibt vorbei.

Die Wäsche wird noch lange brauchen, bis sie getrocknet ist.

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Mittlerweile liegen wir vor der Isla Elephante. Hier gibt es Rochen, Wracks und Anemonen. Zwei Gunas, Ceron und Anselmo, begleiten uns. Wir gehen jagen, schießen einen Barracuda, den wir am Abend mit viel Sellerie und Weißweinsoße verzehren.

Warten auf den Regen

posted by Bleu Broode on 2013.07.12, under Stahlratte
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Wir warten auf den Regen. Weil wir schwitzen und weil das Deck gesäubert werden muss und weil die Haut salzig ist.

Am Ende des Himmels ist ein Loch. Zuerst hören wir den Donner, dann sehen wir die Blitze. Als der Regen einsetzt, beginnen wir zu schrubben. Die Tropfen sind groß und reif und sie kommen ohne Wind, so wie es gut ist. Wir schrubben schnell und kräftig. Wir sind nass und lebendig und der Donner lässt einen fühlen, was es heißt, klein zu sein. Wenn die Luft salzig ist, schmeckt der Regen süß auf den Lippen.