Rezepte 2

posted by Bleu Broode on 2013.06.30, under Stahlratte
30:

Labskaus

Labskaus ist nicht nur des Norddeutschen Leib- und Magengericht, sondern auch eine der am besten zuzubereitenden Mahlzeiten auf See.

Zutaten:
Pökelfleisch (wahlweise Corned Beef) - Hält auf See Wochen bis Monate.

Kartoffeln - Immer und überall. Das Sami Khedira unter den Gemüsen.

Zwiebeln - Siehe Kartoffeln und ersetze Sami Khedira durch Stefan Effenberg.

Eingelegte Gurken - Selbst die vergessen Gläser im Keller meiner Oma sind noch gut.

Rollmops (sauer eingelgter Fisch) - Fisch.

Eier - Im Glücksfall mit den dazu passenden Hühnern.

Gewürze - Salz, Pfeffer, Paprika, Curry, evtl. Kreuzkümmel

Butter - Das Markus Lanz unter den Milchprodukten

Brate das Fleisch gemeinsam mit den Zwiebeln gut an und püriere es anschließend grob. Koche zeitgleich die Kartoffeln und püriere sie anschließend fein.

Mische den Fleischbrei mit dem Kartoffelbrei, gib eine gute Menge kleingehackte saure Gruken hinzu und schmeck alles mit Salz, Pfeffer, Butter, dem Saft der sauren Gurken (viel!) Paprika, Curry und etwas Kumin ab. Muskat kann auch nie schaden.

Die Konsistenz des Labskaus ist dann perfekt, wenn beim Auffüllen auf die Teller mit einer großen Kelle ein sattes und befriedigendes Klatschen zu hören ist.

Mit Spiegelei und Rollmops servieren. Kenner schwören auf Apfelmus.

Wer seinen Diggies etwas gutes tun will, hat zudem ein bis vier Schnaps (→ Rezept) p. Pers vorbereitet.

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Gooden Appetit un eet al up, dann givt dat morrn goods wedder.

Hamburg-Süd

posted by Bleu Broode on 2013.06.26, under Stahlratte
26:

Mein Opa war Koch von Beruf. Er kam in Marne, Dithmarschen zur Welt. Dort gab es Blutsuppe, Mehlbüdel und Birn’, Boohn’ un Speck. Im Sommer spielten sie Kibbel-Kabbel, im Krieg suchten er und seine Freunde nach Granatsplittern. Die besten waren die, die noch warm waren.

Als Erstgeborener war es ihm bestimmt, das Gasthaus Boie in Marne zu übernehmen.

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Doch mein Opa wollte nie Koch werden. Von Oktober 1953 bis Februar 1958 heuerte er bei der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft an, um den familiären Pflichten in der Heimat zu entfliehen. Er wurde Smutje, lernte Englisch und meine Oma kennen und Jahre später arbeitete er als Ingeneur bei der Gesellschaft für Kernenergiegewinnung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS)  in Geesthacht.

Er hatte Argentinien, Brasilien, Amerika, Panama, Kolumbien und viele andere Länder gesehen. Dabei war ihm eigentlich nur das Gebiet zwischen Jadebusen und Elbe-Lübeck-Kanal vorgesehen gewesen.

Von der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft ist heute nur noch die Kurzform geblieben.

Jetzt, knapp neuntausend Kilometer von zu Hause entfernt, bin ich einem Teil meines Großvaters wahrscheinlich näher als zuvor. IMG_2858

Rezepte 1

posted by Bleu Broode on 2013.06.25, under Stahlratte
25:

Havanna Sail

IMG_2933Havanna Sail ist das Lieblingsgetränk meiner GF. Maracujasaft und Rum – doppelschlürf!

Zur Herstellung eines frischen Cocktails nimm eine Maracuja p. Pers. (lieber reifer als frisch), püriere sie und gib die gleiche Menge an Soda hinzu. Etwa ein Löffel Zucker auf zwei Maracujas, je nach Reifegrad der Früchte, ordentlich Rum, rühren, warten, bis sich die Kerne am Grund des Gefäßes gesetzt haben.

Eingießen, schlürfen, fertig.

Ein bis zwei Eiswürfel pro Glas kühlen das Getränk auf eine angenehme Temperatur.

Hinweis: Wer es knusprig mag, kann auch direkt trinken. Die Linol-, Öl- und Palmitinsäuren in den Kernen haben blutdrucksenkende und hautverjüngende Wirkung.

Über Hygiene

posted by Bleu Broode on 2013.06.25, under Neuigkeiten, Stahlratte
25:

Ich putze mir sehr gewissenhaft die Zähne.
Ich schreibe das so ausdrücklich, weil das nicht natürlich bei mir ist. Wären mir meine Freundin und mein bester Freund nicht so unangenhme gute Vorbilder, meine Zahnbürsten würden wahrscheinlich Jahre halten.

Hier klebe ich Pflaster auf meine Wunden, sprühe sie jeden Abend mit Desinfektionsspray ein, behandle meinen Sonnenbrand mit Aloe Vera, wasche mir die Hände vor dem Essen und schwimme nicht, wo ich nicht schwimmen soll.

Im Ausland bekommt man ein anderes Gefühl zum Arzt des Vertrauens, denn es gibt keinen Arzt des Vertrauens.

Mutter wäre sehr stolz auf mich.

Im Hafen

posted by Bleu Broode on 2013.06.21, under Stahlratte
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Und dann hat man Zeit, die Pelikane zu beobachten.

Wie sie feist auf den großflächigen Prellpollern zwischen den Lotsenschiffen in der Sonne liegen, wie sie in entpanntem Gleitflug den Hafen entlangjetten, wie sie im Sinkflug über dem Wasser nach Beute suchen, und dann, mit der Anmut eines von einer grazilen Mädchenhand geworfenen sehr sehr schweren Eimers, herunterstürzen, um mit einem halben Kopheister und gierig geöffnetem Schnabel auf der Wasseroberfläche aufzuschlagen.

Ihre fetten Körper sind zu grobschlächtig, als dass sie eintauchen könnten. Nichts von der Eleganz einer Möwe. Einzig das Volumen ihrer überdimensionierten Schnäbel scheint ihnen den ein oder anderen schuppigen Glückstreffer in den Rachen zu treiben.

Pelikan

In der Sonne schweifen die Gedanken ab und vieles erwacht zum Leben. Ein wenig erinnern sie mich an diverse Objekte großzügig berumpfter Pfingsttouristen entlang der deutschen Mittelmeerküste. Wie sie mit ihren breiten Kehlsäcken kopfüber Sangria aus ihren Liegestühlen schlürfen und romantisch darauf warten, dass sich vielleicht irgendwann eine kleine, mit reichlich Ketchup geflutete Bratwurst zwischen ihre Beißerchen verirrt.

Ankunft in Cartagena

posted by Bleu Broode on 2013.06.20, under Stahlratte
20:

Dienstag 18. Juni, Cartagena, Kolumbien
Die Stahlratte liegt im Hafen von Cartagena vor Anker. Im Norden erheben sich die Hochausnadeln von Boccagrande, im Süden die Stahlkräne der Containerterminals. Das Auf und Ab der Seilwinden ist Tag und Nacht zu hören.
Ich habe eine Beule am Kopf, eine Brandwunde am Arm, Hitzeausschlag an den Hüften und verschiedene Schnitte und Risse in Händen und Füßen. Man muss sich bei Seegang erst neu zu bewegen lernen. Meine bisher schlimmste Erfahrung war das Zubereiten von zwanzig Langusten. Die Tiere werden an ihren langen, mit Widerhaken besetzten Fühlern gefasst und dann bei lebendigem Leib in einem Topf kochenden Wassers gegart. Man muss den Deckel sehr schnell auf den Topf setzen, damit nicht zu viel Wasser im Überlebenskampf der Langusten herausspritzt. Noch jetzt, drei Tage später, dreht sich mir der Magen um, wenn ich daran denke.
Die Überfahrt verlief einigermaßen ruhig. Fast alle Passagiere liefen mit Stechapfelpflastern hinter den Ohren herum, gegen die Seekrankheit.
In der letzten Nacht kamen einige größere Wellen. Alle Küchengeräte wurden festgezurrt, alles, was offen herum lag, in Kisten verpackt. Immer wieder stieß das Schiff vom Wellenkamm hernieder und tauchte mit dem Bug Richtung Fluten. Die Gicht spritzte über die Rehling.
Ich hatte meine letzte Wache am Nachmittag, konnte aber nachts trotzdem nicht schlafen. Schließlich musste ich mich übergeben. Man könnte meinen, es sei gefährlich, sich nachts bei Wellengang über die Rehling eines über hundert Jahre alten Schiffs zu übergeben, aber tatsächlich war ich noch nie so konzentriert beim Brechen. Da falle ich eher trunken vorm Muddy’s auf die Bahnschienen und lasse mich von der Nordwest-Bahn nach Farge überrollen.
IMG_2844Am nächsten Morgen lag das Wasser spiegelglatt. Mir ging es immer noch schlecht. Eine Krankheit auf See ist eben nicht immer Seekrankheit; ich hatte mir eine Grippe eingefangen. Sofort schossen mir die Gedanken durch den Kopf: Malaria? Gelbfieber? Wann würde ich sterben und wer würde meinen Grabstein beschriften? Die Ankunft im Hafen, die Einwanderung (Inmigracion), das Verabschieden der Gäste, all das verlief wie hinter einem verschwommenen Film. Danach nur noch schlafen, trinken und nicht übergeben.
Heute geht es mir etwas besser. Am Morgen haben wir die letzten Motorräder der Gäste von Bord geladen. Der Tag soll weitgehend der Erholung dienen, erst morgen werden wir uns daran machen, Wartungsarbeiten am Schiff durchzuführen: Putzen, Entrosten, Streichen, Ähnliches.
Gleich werde ich die Stadt erkunden und mir ein Café mit einer sehr guten Klimaanlage suchen.

Die erste Überfahrt

posted by Bleu Broode on 2013.06.20, under Stahlratte
20:

Sonntag, 16. Juni, Isla Coco Bandero

Man sagt, das San-Blas-Archipel bestehe aus so vielen Inseln wie das Jahr Tage hat. Vielleicht ein paar mehr, vielleicht ein paar weniger, je nach Tiede. Manche Inseln sind nicht mehr als ein oder zwei Kokospalmen mit einem Haufen Sand darum herum. Alles sieht aus wie im Film, nur mit etwas mehr angespültem Müll.

Und weil die Inseln so klein sind, können ihre Bewohner auch nicht viel größer sein. Nur wenige der Kuna-Yala-Indianer reichen mir höher als bis zur Brust. In ihren Basthütten kann man nur gebückt stehen. Dicht an dicht reihen sich die Unterkünfte, dazwischen spielen die Kinder Fußball mit Tennisbällen.

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Der Motor unseres Schiffes läuft in einem gemächlichen Tukka-Takka-Rhythmus. Das kommt nicht von ungefähr, ist doch unser Kapitän der geborene Ephraim Langstrumpf: Er hat lange, blonde Haare, einen goldenen Ohrring, einen dicken Bauch und wenn die Kuna-Yala-Kinder kommen, dann wirft er sie hoch in die Luft und ruft: „Baila, baila, baila!“

Sie nennen ihn Lale. Das ist nicht etwa ein Kosename für Lars, sondern das heißt: Südseekönig.

Unsere Crew besteht aus einem Spanier, einem Argintiner, einer Amerikanerin und mir. Wir befördern einen Haufen Touristen, darunter sechs Biker mit Motorrädern, von San Blas nach Cartagena, Kolumbien. Unter Deck gibt es eine Meerwasserentsalzungsanlage, die uns durch einen umgedrehten Osmosevorgang mit Frischwasser versorgt. Die Maschinen müssen stündlich gewartet und geölt werden, die Toilette wird per Handpumpe betrieben. Fünfzehn bis sechzehn Stöße, dann ist der Spülkasten mit ausreichend Wasser gefüllt. Ich darf nicht krank werden, sonst werde ich mir einen Tennisarm holen.

Mittlerweile ankern wir vor der Isla Coco Bandero. Es war ein gemütlicher Zwei-Stunden-Trip; als wir ausliefen, wurden wir von einem Schwarm Fliegenfischen begrüßt. Die Insel ist verlassen, etwa fußballfeldgroß, nur eine Basthütte steht darauf. Das Wasser ist bis auf fünfzehn Meter glasklar. Es gibt Seesterne zu sehen und Korallen und all die bunten Fische, die ich sonst nur aus dem Aquarium meines Zahnarztes kenne. Ein Delfin sagt hallo, zwei, drei Mal taucht er auf, bevor er uns in einem finalen Sprung mit halber Rolle viel Glück für die morgige Überfahrt nach Kolumbien wünscht.

Am Abend machen wir Lagerfeuer. Ich fühle mich wie Gulliver und Robinson und Pi und ich habe einen angemessenen Sonnenbrand auf den Schultern.

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Panama City

posted by Bleu Broode on 2013.06.13, under Stahlratte
13:

Panama City, Mittwoch 13. Juni, drei Tage nach Ankunft.
Mein Hostel ist eine ehemalige Tanzschule. An den Wänden hängen noch die Spiegel, eine Ballettstange ist auch dort. Ich weiß nicht, ob ich schwitze, oder ob es die Feuchtigkeit der Luft ist, die sich in meinem Brusthaar verfängt. In den ersten Tagen hatte ich verschiedene Geldprobleme. Mein Handynetz funktioniert auch nicht. Mittlerweile hat mir, der Deutschen Botschaft sei Dank, ein Freund einen ausreichenden Betrag geschickt. Ich dachte schon, ich würde auf der Straße enden.
Panama City ist der wirtschaftliche Puls Mittelamerikas. Millionen von Gütern fließen durch den Panama-Kanal in die Stadt und werden dort, gleich einem Adergeflecht, in die umliegenden Landen gepumpt.
Die Stadt atmet Autos. In den Morgenstunden, wenn ich wegen des Jetlags nicht schlafen kann, höre ich die Papageien schreien. Wolkenkratzer belagern den Himmel, riesige Werbebildschirme. Dazwischen kleine Flüsse unter deren Brücken Bauarbeiter dösen. Palmen, Mango- und Guavenbäuume.
1671 wurde Panama City vom britischen Piraten-Kapitän Henry Morgan erobert und zerstört, 1989 beendeten die USA gewaltsam die Militär-Diktatur des abtrünnigen Generals Noriega. Das ist es, was diese Stadt auszumachen scheint: Der politische Einfluss der Vereinigten Staaten und die katrige Trunkenheit eines Supermarkt-Rums.
Ich fahre nach Miraflores, das Westende des Panama-Kanals.
Jährlich passieren etwa vierzehntausend Schiffe die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik.

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Riesige Containerschiffe werden von futuristisch anmutenden Lokomotiven durch die Schleusen gezogen. Wenn sich die Schleusentore öffnen, stoßen die Pelikane nieder, um nach auftreibenden Fischen zu tauchen. Dahinter beginnt der Dschungel.
Ein Foto meines Großvaters zeigt einen alten Dampfer bei der Durchfahrt des Kanals. Morgen werde ich von einem Jeep abgeholt der mich nach San Blas bringt, wo mein Schiff, die „Stahlratte“, auf mich wartet.

Von der Wand in der deutschen Botschaft lächelt Joachim Gauck sein beruhigendes Lächeln. Er scheint zu sagen: Mach dir keine Sorgen, Mama.

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Projekt Stahlratte

posted by Bleu Broode on 2013.06.13, under Stahlratte
13:

Am 13. Juni verlasse ich die Inseln vor San Blas. Kurs auf Cartagena, Kolumbien. Was mich trägt, sind ein Stahlzweimaster, erbaut zu Bismarcks Zeiten, der Wind, und die Möglichkeit eines Ausstiegs.

Mein Opa starb vier Tage vor meinem 22. Geburtstag, im Januar 2011. Eineinhalb Jahre später erbte ich seinen Laptop. Darauf waren all die Bilder gespeichert. Mein Opa, der Kombüsenchef der Hamburger Dampfschifffahrtsgesellschaft auf großer Fahrt. Wie er mit Ur-Einwohnern tanzt, wie er Kartoffeln schält, zwischen Farbe und Tauwerk, meine Großmutter, wie sie auf der Rehling sitzt, die Haare im Wind, im Hintergrund der Hamburger Hafen.

Ich besitze zwei Email-Adressen, zwei Facebookprofile, ein Handy, zwei Computer. Ich glaube, bei Studi-VZ bin ich auch noch angemeldet. Im Sommer entschied ich mich, mein Studium zu unterbrechen. Jetzt habe ich einen Führerschein, eine 1.Hilfe-Ausbildung, ein Hochsee- Sicherheitszertifikat und eine bestätigte Seetauglichkeit. Auf aufs Schiff. Ich
werde Matrose.
Es ist die Hoffnung auf einen Ausstieg auf Zeit, auf den Spuren meines Großvaters, auf den Meeren zwischen Panama und Kolumbien. Es gibt dort Schildkröten, habe ich mir sagen lassen. Und Haie. Und Inseln mit nur einer Palme darauf, so wie ich sie als Kind immer gemalt habe.
Zettel und Stift habe ich dabei. Einen Finger bin ich bereit zu opfern.
Dies ist der Versuch einen Ort zu finden, der nicht existiert. Der nicht überladen ist mit Kommentaren und Reiseführen und Know How und How to behave. Eine Tangente am Horizont. Es ist der Versuch, Panama zu finden.