Istanbul – eine viel zu lange aber wunderschöne Reisezusammenfassung

posted by Bleu Broode on 2011.10.18, under Neuigkeiten
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Istanbul wirkt aus dem Auto heraus wie eine Ansammlung wuchender Häuser. Es besteht aus Dach und Wand und Abgas. Istanbul ist stau. Fahrräder gibt es nicht. Istanbul wäre wohl eines dieser Autoverschiebegeduldsspiele-Apps auf dem Handy. Es gibt keine Hauptverkehrsadern, nur ein Lymphgeflecht enger Straßen mit scheuen Ampeln, die sich mit ihrer Statistenrolle abgefunden haben. Deshalb nun zu Fuß. Da eröffnen sich erkerverwinkelte Seitengässchen, Stuck- und zierrat verdingste Balkone, Brücken mit Gardinen und allerlei Fisch. Die Ziegel der Dächer sehen aus wie aufgeworfen und festgekittet.

Istanbul – ein Stadtrundgang

Man verlässt das Hotel durch die langsam anfahrende Drehtür des Euro Plaza und findet sich direkt auf der vierspurigen Schnellstraße im Stadtteil Galata wieder, die mir des Nachts durch das ständige Gehupe einen andauernden Tinitus bescherrt.

Das Euro Plaza ist sehr schön, es hat eine weitläufige Lobby mit einer beeindruckenden Glasfront : Panorama-Blick über die Häuserhorden von Fener und das goldene Horn. Goldenes Horn, Sonnenuntergang und Panorama-Blick sind eine tolle Kombination. Just in diesem Moment sitze ich an den überdimensionierten Fenstern und kann in das kleine Zweitliga-Stadion gucken, dass sich am Hang unter uns erhebt. Eine Manschaft trainiert gerade.

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Indes, bei der Zimmerwahl haben es mein Bettnachbar Marius und ich nicht ganz so gut erwischt, wir haben zwar ein Zimmer in diesem tollen Hotel bekommen und das Zimmer hat auch ein Fenster und das Fenster kann man auch öffnen – allerdings nicht mit Sicht auf die so wunderbare Stadt, sondern auf eine braune Wand, in der Mauersegler nisten, und die Unterseite der besagten Hauptstraße.

Geht man nun aber diese Hauptstraße entlang und schlägt man sich zu gegebener Zeit (Ampel! Gegebene Zeit heißt Ampel! Niemals ohne Ampel eine Straße überqueren. Mit Ampel nur bei grün und mit äußerster Vorsicht! Oben schon erwähnt. Trotzdem drauf achten.) nach links in die Gassen, so kommt man nicht nur am Grand Hotel vorbei (Wer kennt es nicht aus Fatih Akins „Gegen die Wand“?), sondern erreicht auch nach ein paar weiteren beherzten Schritten die Istiklal, das Herz Galatas. In fortwährenden Stößen pumpt sich das Leben in Form abertausender Menschen die Istiklal entlang. Hier ist es sehr europäisch: Es gibt Converse, Adidas und Saturn, Buchläden (auch deutsche), Botschaften (nicht die deutsche), indianische Panflötenbands (indianisch) und Straßenverkäufer mit Schubkarrenläden voll von Maronen, Mais und Muscheln. Es gibt Toruisten und Touristen und kleine Kinder, die Touristen buntes Spielzeug verkaufen und kleine Kinder von Touristen, die kleinen Kindern, die Touristen Spielzeug verkaufen, das Spielzeug abkaufen, und Touristen und Erasmusstudenten, die sich Abends am altertümlichen venezianischen Wachturm versammeln, um sich Knutsch- und Mehr-Partner zu suchen. Früher diente der Turm als Schutzstätte zur Warnung bei Bränden und Feinden, heute ist hier die größte Partnerbörse der Stadt. Verlässt man die große Einkaufsstraße und verirrt sich im Venengeflecht der schmalen Straßen darum herum, was man nie ohne einen frischgepressten Granatapfelsaft tun sollte (sehr sehr sauer, dafür aber schön rot und unheimlich gesund), kommt man in die verschiedenen Händlerviertel. Traditionell teilt sich Galata in in verschiedene Handelswaren eingeteilte Bezirke. Ich laufe durch das Musikviertel. Hier findet man alles von Zimbel und Crash-Becken bis hin zum fashionable tolex Guitar amplifier. Es gibt Rasseln und Trommeln, Keyboards und Blasinstrumente und Maultrommeln gibt es auch.

Abwärts folgt der Lüftungsbezirk. Silbern ummantelte, gelblich und grau geriffelte Schläuche tentakeln sich aus blauen Plastiktonen, es drehen sich rot und glänzend lackierte Ventilatoren, man kommt sich vor wie in einem schlechten ScienceFiction Film.

Eine vierspurige Straße trennt die Lüftungen von den Baugeräten, wo Marius sich sehr für eine Kettensäge begeistert, ich ihn aber davon überzeugen kann, dass sie nicht als Handgepäck durchgelassen werden wird, selbst mit leerem Benzintank. Endlich, kurz bevor man die Galata Köprüsü, die letzte Brücke vor dem Mittelmeer erreicht, gelangt man in das Fischerviertel.

Die Kiemen der Lachse sind kunstvoll aufgetrennt und zieren die Tiere in tiefrot. Zwischen den Möwenfußabdrücken im Beton liegt ein Seepferdchen. Sardellen, Sardinen, Doraden, was nicht alles. Und Fischkebab. Gegrillte Filets in ein Brötchen gepresst, orientalische Gewürzischung, frische Kräuter, Koriander, Minze und Lauchzwiebel, Zitrone, Salz, randvoll mit geil.

P1000185Das beste was ich seit langer Zeit gegessen habe. Und ich esse seit langer Zeit sehr gut. Nur zu empfehlen. Zwischen den zum Großteil arg verfallenen Häusern spannen sich weinberebte Seile und Taue an denen Schwimmer, Bojen und Westen hängen. Wundervoll. Es gibt Netze zu Hauf, Anker, Steuerräder und Schiffsglocken. Der Putz bröckelt und gibt den Blick auf den darunter liegenden Backstein frei. Alles ist kaputt, maritim und romantisch.

Setzt man sich in das kleine Lokal, das man irgendwoher kennt, man weiß nicht genau woher, vielleicht aus einem Film oder so, vielleicht aus „Gegen die Wand“, setzt man sich in das kleine Lokal, das so unheimlich gemütlich ist, mit all den Pflanzen, den bunten Lampions und den zerlebten Holztischen, setzt man sich nun und wendet den Kopf nach links, dann sieht man sie: die Galata Köprüsü! Über und über mit Anglern bevölkert, Nylonfäden, die sich gen Wasser hangeln, auf einen fetten Fang hoffend. Die Fische erkennt man schon von weitem – das Wasser ist so klar. Unterhalb der Brücke befinden sich Restaurants. Sinkt die Sonne tiefer und in die so empfindlichen Augen der werten Kund- und Touristenschaft, werden rote und blaue Stoffbahnen gleich Gardinen herabgelassen, in zauberhaft heimeligem Ausdruck.

Auf der anderen Seite des Flusses der Touristenhafen-Hafen, wo die Schiffe sich Schwarmgleich an ihren Liegeplätzen abwechseln. Man wundert sich, dass sie nicht zusammenstoßen.

Bier leer, Mund abwischen, durch den Fischmarkt auf die Brücke und darüber hinweg, geradewegs in die Altstadt und seine Basare. Man muss beim Laufen aufpassen, dass man nicht gleich einen brotbestückten Angelhaken im Mundwinkel hängen hat. Gleich in der Unterführung lebt der Spielzeugbasar. Ab hier kennt der Trubel keine Grenzen mehr: Alles special price only for me. Merhaba, Abe, my friend. Papageien kreisen an unsichtbaren Fäden durch die Luft, immer im Kreis, immer im Kreis, Rettungshubschrauber, Kampfjets und Polizeiautos blinken blau, rot und grün, fahren vor und zurück, stoßen gegen die Holzbalken, die ihre artungerechte Haltung begrenzen, Bälle fangende Wiesel, laufende Pinguine hospitalisieren auf und ab, die Spielzeuge sind verrückt geworden in diesen Käfigen, alles eng, alles immer das gleiche, ein ewiges Werben, es ist wie in Toy Story III! Als ich beunruhigt und fast ein wenig traurig einen meiner Schriftsteller-Kollegen darauf anspreche meint dieser nur: „Tolstoi? Tolstoi drei? Was meinst du? Lewastopol?“ Ungebildetes Pack!

Der Gewürzmarkt ist eine traditionelle Karawanserei. Er schließt sich direkt an die Unterführung. Früher prosperierten hier die Geschäftsleute, tauschten ferne Schätze gegen schnelles Gold. Noch immer sitzen hier tausend Gerüche in den Nische und Rissen im Beton. Muskat, Zimt, Kurkuma, Curries, Tees, jaja. Karamell- und Honigtriefende Nusswaben hängen von der Decke. Zum reinbeißen und daran festbacken. Die Decken sind bemalt in Jahrhunderte alten Verzierungen.

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Durch den Gewürzmarkt hindurch und hinein in die Basar basierenden Gassen. An einer großen Straßenkreuzung wirbt Armine. Ich halte es erst für eine türkische Armani-Fälschung, werde dann aber aufgeklärt: Armine ist der führende hersteller, eleganter Damenbekleidung für modebewuste Musliminnen. Tatsächlich sind die Frauen mit unseren klobigen Pinguin-Nonnen oder gar den so feindselig propagierten Burka-Gespenstern kaum zu vergleichen. Eng anliegende Parker, sandfarben, vielfarbig urwäldisch oder klar und maritim gemusterte Kopftücher, khakine Businesshosen – die moderne Muslimin weiß sich zu kleiden. Denkt man. Schaut man in die andere Richtung, zieht sich die Puille in sekundenschnelle zusammen, so grell, plastin, abstoßend paillettierter Hochzeitsschick stößt einem dort ins Auge. Türkischer Prunk. Ich mag ja Glitzer, aber die Schaufensterpuppen erinnern mich zu sehr an bunt verpackte Kamelle, denen man ansieht, dass sie eindeutig zu süß sind und nicht schmecken.

Cemberlitas. Rechts erneut eine alte Karawanserei, heute zu einem Shisha-Cafe mit hervorragendem Kaffee und, wie mir gesagt wird, äußerst preiswertem Tabak umgebaut. Die Luft ist süßlich nebelumwabert, die Decken behangen mit Mosaik-Lampen, jenen Lampen, in die ich mich so sehr verliebt habe. Ich würde diesen Ort, dieses Paradies, diesen Hort der Entspannung und Gelassenheit, jedem Menschen empfehlen, wenn ich mich nur erinnern könnte, wie genau er zu finden war. Verdammt. Im Zweifelsfalle einfach der Nase folgen. Shisha-Rauch kann sehr prominent sein. Prominenter sogar als heiße Maronen.

Zuletzt bleibt für einen guten deutschen Touristen die Hagia Sophia. 532 bis 537 in nur fünf Jahren erbaut. 1453 vom osmanischen Herrscher Mehmed II. erobert, gibt es wohl keine Kirche, keine Moschee, kein mittlerweile Museum, dass den Glauben zweier Religionen ökumenischer verbindet. Leider ist das aber nicht so leicht zu erkennen. Gut, es gibt arabische Schriftzeichen gleichzeitig mit Jesusbilern und der Aufbau eine muslimischen Moschee geschieht innerhalb eines christlichen Kirchenschiffs, tada! Ansonsten gibt es Touristen und Fotoapparate, kleine Stellwände, die Interessantes in uninteressante Häppchen zerhacken und Führer in allen Sprachen der Welt, die leider alle viel zu gleichzeitig reden und ohne Elan. Nichts mit Heiligkeit. Man kann von alten Zaubern lesen, aber keinen spüren. Wie schnell eine solche Stätte durch Fast-Food-Tourismus entweiht werden kann. Für die Besonders faulen, oder wie man neudeutsch sagen würde „ökonomisch sightseeenden“, haben gewiefte Fotografen Stellwände in der oberen Galerie aufgebaut, auf denen beeindruckend scharf und in überdimensionierten Aufnahmen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dnoch einmal im Detail zu betrachten sind. Das erspart dem Besucher das mühevolle Suchen mit dem eigenen Auge. Eine Frau steht davor und fotografiert die Bilder ab. Ich bin deprimiert und gehe.

Gegenüber dieses „Heiligtums in Krötengestalt“ liegt die blaue Moschee. Hier ist es bedeutend stiller. Sie kostet keinen Eintritt, vielleicht ist das der Grund, für ihre geringen Besucherzahlen. Dafür darf man keine langen Hosen tragen und Frauen brauchen ein Kopftuch – eine echte Moschee. Der Boden ist ausgelegt mit dickem, weichem, reich verziertem Teppich, die Wände in Fliesen gekleidet, rot und blau ziseliert. Von der orientalischen Decke hängt ein gigantischer Kronleuchter bis auf einen halben Meter über Kopfhöhe. Man möchte sich direkt hinlegen und ein Nickerchen halten, so behaglich fühlt man sich hier. Kaum will ich diesem Gedanken nachgehen, werde ich allerdings schon ermahnt. Sitzen ja, liegen nein – es ist eben eine Moschee.

Auf dem Rückweg begleitet uns der Mond. Wie ein stiller Begleiter wandert er auf dem Wasser neben uns her. Ein bisschen befürchte ich, dass er mich gerade heimlich fotografiert.

DSC02323Ich verliebe mich in die Glasfront unseres Hotels und bereit mich vor auf Istanbul bei Nacht.

Die Sprache des Rasens

posted by Bleu Broode on 2011.10.15, under Gedrehtes, Neuigkeiten
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Knapp ein Jahr ist es her, dass die Poetry Slam Fußballnationalmannschaft das letzte mal die Schuhe schnürte, die Kronkorken öffnete und ein Fußballfest feierte. Nun, kurz vor dem erneuten Jahreshöhepunkt gegen die Auswahl von Viva con Agua im Rahmen der deutschssprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Hamburg taucht dieses Video auf. Zauberhaft! Vielen Dank an die Herren von Dichter und Kämpfer für dieses fabelhafte Werk. Ich werde mich damit bei Thomas Schaaf und Jogi Löw als Co-Trainer bewerben. (Hahaha, Schaf und Löwe… Viellicht bewerb ich mich auch noch bei Wolfgang Wolf als Zoowärter, ich Schelm! Oder bei Peter Panda. Oder Andy Strauß. Genug. Na, ok, Anke Fuchs.) Jedenfalls:

This video was embedded using the YouTuber plugin by Roy Tanck. Adobe Flash Player is required to view the video.