Von einem, der auszog

posted by Bleu Broode on 2009.09.23, under Von einem der Auszog
23:

Prolog:

Schon Schiller scholl es aus dem Munde:

Abends wards und wurde Morgen

Nimmer nimmer stand ich still.

Aber immer bliebs verborgen,

Was ich suche, was ich will.

Während du schliefst habe ich an deinem Bett gewacht, Kleine.

Ich achtete darauf, dass du auch richtig zugedeckt bliebst, dass kein klammes Beinchen sich in die Kälte streckt. Wenn du gemurrt hast, habe ich dir den Kopf gestreichelt. Habe dir kleine Tropfen feiner Fantasie auf die Nase getippt, dir Wolkenbilder in den Kopf gemalt und Geschichten erzählt. Während du schliefst saß ich an deinem Fußende,  Treue, habe dir und deinen Träumen wie versunkenen Schätzen zugehört und manchmal, einfach nur so, hab ich dir einen Kuss gegeben. Während du schliefst habe ich die Monster unter deinem Bett vertrieben, Verwegene, habe sie aus dem Zimmer gescheucht und ihnen Beine gemacht, dass sie sich bloß nicht mehr blicken ließen.

Doch manchmal ist das Leben eben schneller als man selbst und dann ist man da, wo man hin will, bevor man weiß, wo das liegt – und schon weg, bevor man angekommen ist.

Manchmal will man so viel.

Man sagt ja, ohne nachzudenken, sagt nein, ohne abzulehnen, geht Termine und Verpflichtungen ein, die zu erfüllen man selbst nicht im Stande ist. Rennt und rennt dem Uhrzeiger nach, und merkt nicht, dass man sich dabei im Kreis dreht. Und dann bräuchte man Wunder, wenn einem das nicht alles über den Kopf hinaus wachsen sollte, wie deine Haare, wenn du mal wieder länger nicht beim Friseur warst.

Während du schliefst, stand ich auf fremden Bühnen, sprach mit fremden Menschen, knüpfte Freundschaften und Kontakte zu einem Netz, das zu engmaschig war, als dass ich selbst hätte hindurchschlüpfen können.

Ich hab Rum und Ehre erstrebt, wahre und falsche Freunde getroffen, hab Nächte zu Tagen gemacht, gezecht und Gelage gemacht, geraucht und gesoffen. Um dann nach ein paar tausend Wochen dir zu sagen, dass man sowas nicht tut.

Denn manchmal scheint es mir, Erfolg sei eine Lawine: Er wird größer und größer und endet im Tal.

Und bei Tage? Bei Tage saß ich in irgendwelchen Zügen, vollgestopft mit irgendwelchen Menschen aus irgendwelchen Gegenden, die oft nicht viel mehr zu erzählen wussten als wohin und woher und dass der Schokokuchen im Bordrestaurant sehr schmackhaft sein soll. Zehn Minuten vor Fahrtende stand man auf, um auch ja nicht den Ausstieg zu verpassen. Und ich fragte mich, ob diese Menschen das wohl auch zu Hause. Oje, in zehn Minuten muss ich los, ich stell mich mal lieber schon an die Wohnungstüre.

Und bald schrieb ich Rechnungen, statt Geschichten und Emails statt Briefe. Ich lernte das Leben kennen und mich selbst vergessen. Gab mich selten zufrieden mit dem, was ich hatte, was mehr war als alles, ich jemals gedacht.

Und wenn du schliefst, war ich wach, und wenn du wachtest schlief ich ein.

Und wenn  ich schlief, dann schlief ich unruhig und oft viel zu kurz, träumte zwar noch von versunkenen Schätzen doch die waren mir schnurz, Wolken malten keine Bilder, sondern Regen ins Gesicht, und es mahlten meine Zähne, nur die Stifte malten nicht.

Heimweh war ein Gefühl, dass ich kannte, aber zu unterdrücken im Stande war. Doch Heimweh ist wie schlechter Apfelsaft. Es gärt und gärt in einem, bis es ganz bitter auf der Zunge schmeckt.

Und während du schliefst habe ich die Monster unter deinem Bett vertrieben, Verwegene, habe sie aus dem Zimmer gescheucht und ihnen Beine gemacht. Ich war da während du schliefst. Doch wenn du wachtest viel zu selten.

Epilog:

Abends wards und wurde Morgen

Nimmer nimmer stand ich still.

Aber immer bliebs verborgen,

Was ich suche, was ich will

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